Ich würde es wieder machen...

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Ich würde es wieder machen... | story.one

In einer kleinen Kurstadt im Süden NÖ am 18. August 2015. Es ist der Beginn von Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Der erste Deutschkurs steht an, gemeinsam mit dem Gründer unserer Privatinitiative warten wir gespannt auf unsere Teilnehmer*innen. Ich bin etwas aufgeregt wie bei einem ersten Date.

Insgesamt erscheinen ca. 20 geflüchtete Menschen aus den verschiedensten Ländern. Wir teilen uns in Gruppen auf und ich stoße zu einer iranischen Familie bestehend aus Vater, Mutter und der 8jährigen Tochter. Ich bin von den bereits vorhandenen Deutschkenntnissen fasziniert. Die Tochter besucht bereits seit ein paar Monaten die Volksschule und spricht fließend unsere Sprache. Die Mutter arbeitet bereits ehrenamtlich in einem Altenwohnheim und ihre Sprachkenntnisse sind schon fortgeschritten. Mit dieser kleinen Familie ergibt sich bereits die erste Freundschaft.

Natürlich erfahre ich im Laufe der Zeit die Fluchtgeschichten und ich bin jedesmal aufs Neue erschüttert, egal, ob bei dieser Familie oder bei all den anderen Teilnehmer*innen.

Für mich ist es ein großer Vertrauensbeweis die persönlichen Geschichten zu erfahren. Sie erzählen mir wie es ihnen in den anderen Ländern erging auf dem Weg zu uns, sie vertrauen mir ihre Ängste an, wie sie geschlagen wurden und dann höre ich sagen "als wir in Österreich ankamen, war alles gut." Mir kommen die Tränen, ich denke dabei an die geteilte Stimmung in Österreich.

Meine Augen noch immer mit Tränen gefüllt, werden mir Details erzählt, Bilder, die ich bis dato nur aus den Nachrichten kenne und dann sitzen mir so mutige Menschen gegenüber, die tausende Kilometer zu uns schafften, die alles verkauften und ihr Leben aufs Spiel setzten um ein Leben in Frieden führen zu dürfen. Diese Erzählungen gehen anfangs an mir nicht spurlos vorbei.

Ich erinnere mich noch an einen Alptraum. Ich muss mit meiner Schwiegertochter und meinem Enkelsohn flüchten. Es ist "nur" ein böser Traum und ich bin dankbar, dass ich in Österreich geboren wurde. Seitdem übe ich mich viel mehr in Dankbarkeit!

Unsere Deutschkurse, welche zwei Mal in der Woche am Abend stattfanden, waren gut besucht und Teilnehmer*innen kamen sogar aus anderen Bezirken zu uns. Es freute mich, da ich von Beginn an meinen Teil dazu beitragen konnte. Ich war sozusagen die Erste, die die Tür aufschloss und die Letzte, die sie zusperrte.

In diesen Jahren lernte ich ca 300 geflüchtete Menschen kennen, ich hörte in meinem Leben nicht so oft "DANKE" wie in dieser Zeit. Ich erlebte persönliche Angriffe und Beschimpfungen von Außen. Im Bekanntenkreis trennte sich der Spreu vom Weizen.

Es bestärkte mich weiterzumachen. Menschen zu helfen, die Hilfe auch annehmen. Ich erlebte Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz. Viele Erfolge erfüllten mich und ich wusste "ja ich habe alles richtig gemacht. Ich würde es wieder machen." Nach fast 5 Jahren haben alle ihre Nester verlassen wie unsere Kinder und mir wird warm ums Herz, wenn ich an die Zeit denke.

© Andrea