#corcooning

Boxenstopp

  • 251
Boxenstopp | story.one

In meinen Kinderjahren war ich recht viel vorm Fernseher. Sonntags, nach dem Mittagessen, um 14 Uhr war häufig ein Programmhighlight. Es war Start des Formel 1 Rennens. Die Spannung hielt bei mir jedoch nur kurz. Einige Minuten nach Start wurden meine Augen schwer und die Stimme der Formel 1 Legende Heinz Prüller ließen mich sanft aber gewiss einnicken.

Ich fand Autorennen, bis auf drei Phänomene, nie wirklich spannend. Den Start, ein brenzliges Überholmanöver und die Boxenstopps. In den letzten Wochen kam mir im Grübeln über Corona immer wieder das Bild des Boxenstopps. Die Runden der Rennbahn Leben machen einen Stopp. Teils fühlt er sich präventiv an, um die Reifen zu wechseln, vorsorglich zu tanken oder den Motor vor Überhitzung zu schützen. Und teils, wie eine Vorsichtsmaßnahme, weil die Rennleitung noch zu wenig Klarheit über den Einsatz des Safety Cars angesichts regennasser oder ölhafter Fahrbahn hat.

Nun stehe ich in meiner Box, tanke ein paar Liter Zuversicht, mein Standardsprit, habe ein Set neuer Reifen, geputztes Visier und bin ready für die Boxengasse mit Tempolimit. Aus meinen Kindheitserinnerung weiß ich, wenn man zu schnell aus der Box will kann es gefährlich werden. Eine Reifenmutter die noch nicht festgezogen ist, ein noch nicht abgedichteter Tankdeckel oder der Kollege (seltenst eine Kollegin in den 90er Jahren) mit dem Wagenheber vorne hat mich noch nicht runtergelassen. Formel 1 Insider kennen die genaue Jobbezeichnung besser als ich. Doch wie weiß ich, in welcher Millisekunde ich wieder auf den Start Button drücken soll, ob ich mit der Strategie Regenreifen richtig liege, zu viel oder zu wenig getankt habe oder überhaupt im passenden Moment in der Box war?

Wissen und Klarheit sind dieser Tage in Neuerfindung oder besser gesagt im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Wir sind angesichts der ambivalenten Informationslage im Improvisationsmodus. Im Modus des laufenden Abwägens, mitten im Spannungsfeld zwischen Risiko und Sicherheit. Wir fahren auf Sicht. In kontrollierter Unklarheit. Wie Wissenschaftler_innen im Trial-and-Error Modus forschend. Wie innovative Unternehmer_innen, wenn sie neue Ideen prototypen. Ohne 100% Sicherheit und Gewissheit, wie die Realität und Zukunft aussieht.

Eine starke und lebendige Gesellschaft braucht in ungewissen Situationen, wie der Corona Krise, neben Sicherheit auch eine Portion mutiges Probieren, zum Beispiel bei der teilweisen Öffnung von Schulen. Wenn weniger als 90% gesichertes Wissen für Entscheidungen vorliegt, braucht es einen besonders offenen und diskursiven Umgang mit Entscheidungsgrundlagen, abseits von politischen Wahrheitsansprüchen oder Kalkül. Denn hohes Vertrauen bei und gegenüber den Menschen werden wir brauchen, wenn wir die Krise meistern wollen. Offenheit, Diskurs und Vertrauen ist der Treibstoff der Stunde. #CorCooning

© Andreas Lechner 05.04.2020

#corcooning