Santorin – Am Rande der Caldera

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Santorin – Am Rande der Caldera | story.one

Vor mehr als dreitausend Jahren verdunkelte sich der Himmel über der Ägäis hinter einem undurchdringlichen Vorhang dicker Wolken. Wellen türmten hoch wie Wolkenkratzer, um anschließend mit der Wucht von dreihundert Stundenkilometern auf das pechschwarz gefärbte Meer einzustürzen. Es heißt, dass durch den Ausbruch der Vulkaninsel Thera nicht nur ein Großteil der Fläche Santorins in den Fluten versank, sodass seither nur mehr die Kreisrunde „Caldera“ an die Oberfläche ragt, sondern auch gleich die minoische und ägyptische Kultur mit in die Fluten gerissen wurde.

Heute ist es keine Naturgewalt mehr, die Schrecken und Zerstörung bringt. Feuer und Gestein wurden von den im Minutentakt landenden Flugzeugen abgelöst. Tödlicher als jede noch so heiße Lava strömen die Menschenmassen aus den Inneren der metallenen Gefährte auf den Gipfel der Insel, der das letzte Hindernis zwischen ihnen und dem legendären Santoriner Sonnenuntergang darstellt.

Immer wieder gerät die Prozession ins Stocken, an den Aussichtspunkten wird für Selfies posiert. Man inszeniert sich als einsam und unbekümmert vor dem Abgrund des tief blauen Meeres sinnierend, während die Kolonne hinter einem ungeduldig mit den Handykameras scharrt. An diesem Tag versteckt eine dicke Wolkendecke die Sonne, die Erwartungen ihrer Zuseher enttäuschen, während ihr selbst es egal ist, ob sie im Meer oder unter den Wolken untergeht. Ihr Schicksal ist so oder so allabendlich unausweichlich.

Nach Einbruch der Nacht setzt die Flucht aus den Bergdörfern Oia und Fira ein, wenn Tausende gleichzeitig vom Berg hinunter in ihre Hotels wollen. Die riesigen Linienbusse sind bereits zur Vorsaison überfüllt. Die Gastgeber hätten schon längst weitere Fahrzeuge bestellt, um den jedes Jahr größer werdenden Massen Herr zu werden, doch mehr dieser tonnenschweren Reisegefährte passen nicht auf die zerfurchte Insel. Das Fassungsvermögen ist längst gesprengt, die Griechen haben aufgegeben, Ordnung in das Chaos zu bringen, so als würden sie sagen, mit uns hat das alles nichts mehr zu tun.

Durch den Massentourismus kommt die Insel mit den Müllbergen nicht mehr zurecht, der Abfall wird in die ehemaligen Bimssteinbrüche gekippt, wodurch archäologische Spuren und fossile Pflanzen für immer zerstört wurden. Im Jahr 2007 versank eines der vielen die Insel ansteuernden Kreuzfahrtschiffe im Meer, es liegt bis heute ungeborgen dort.

Was sich nicht leugnen lässt: schön ist er wirklich, der Sonnenuntergang über Santorin. Doch das ist er auch an unzähligen anderen Orten des Landes, ja der ganzen Welt, und dort hat man ihn zumeist für sich allein. Doch vielleicht ist es so, dass wir die wahre Schönheit erst dann erkennen und wertschätzen können, wenn wir uns mit Hunderten anderen um sie streiten müssen.

© Andreas Rainer