Wenn man Vater wird

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Wenn man Vater wird | story.one

Plötzlich ist man Vater. In einer letzten, tief seufzenden Wehe fällt plötzlich ein Kind vor einem auf den Geburtstisch, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der ein Parkschein aus dem Automaten einer Tiefgarage gezogen wird. Während einer langen Nacht im Kreissaal fragt man sich wie es sein kann, dass es weder die Evolution, noch der liebe Gott oder zumindest die Wissenschaft bisher geschafft haben, den Geburtsvorgang etwas weniger schmerzhaft und qualvoll zu gestalten. Auch wenn im Kreißsaal fünf Hebammen, eine Ärztin und ein hilfloser Mann herumstehen, warten in Wahrheit alle nur darauf, dass die Biologie ihren Lauf nimmt und ein Wunder geschieht.

Die große weite Welt voller Partys, Überstunden und Fernreisen schrumpft mit einem mal auf 54 Zentimeter zusammen, denn so groß ist das neue Zentrum der Existenz. Durch das Pucken, dem festen Einschnüren in ein Stofftuch, begrenzen junge Eltern die Welt ihres Babys in den ersten Wochen, da es sich ansonsten in der mit einem Mal endlosen Weite verloren fühlt. Ohne dass wir es merken, macht das Kind dasselbe mit uns: es verkleinert unsere Welt. Endlich muss man nicht mehr durch den burmesischen Dschungel stapfen, um in irgendeinem Tempel, einem Hostel oder im besinnungslosen Drogenrausch auf einer Goa Party am anderen Ende der Welt den Sinn des Lebens zu finden. Halluzinogene Substanzen werden durch körpereigene Hormone ersetzt, man hat keinen Stress mehr, etwas zu verpassen, denn man verpasst ab sofort alles. In unserer vollkommen unverbindlich gewordenen Welt ist ein Kind das Einzige, bei dem es keine Rückgabefrist, Probezeit oder Umschulungsmöglichkeit gibt. Die Nächte mit dem Baby erinnern an die erste Liebe: es ist genauso unbequem wie damals und keiner weiß, wie er liegen soll. Ständig hat man einen Ellbogen im Gesicht oder bekommt eine Speichel getränkte Schulter in die Seite gerammt. Und genau wie damals bemerkt man all das nicht, weil man verliebt ist.

Verzweifelt sucht man wie beim Auspacken eines Espresso Vollautomaten nach der Gebrauchsanweisung, doch die gibt es genauso wenig wie einen Ausschaltknopf, wenn die Neuerwerbung zu schreien beginnt. Man versucht, die suizidalen Tendenzen des Neugeborenen einzuschränken, hält ihn vom tödlichen Köpfler von der Couch ab. Obwohl wir Menschen uns als Krone der Schöpfung ansehen, sind unsere Kinder jahrelang lebensunfähig. Während der Nachwuchs anderer Säugetiere bereits nach wenigen Erdminuten seine ersten Schritte dahinwackelt, kann ein menschlicher Säugling monatelang seinen eigenen Kopf nicht aufrecht halten. Dennoch steckt in jedem einzelnen unserer Kinder die Hoffnung, dass er es besser machen wird. Denn ganz egal, ob es um die eigene kaputte Familie, eine unerfüllte Karriere als Rockstar, oder das Aufhalten des Klimawandels geht: jedes Kind hat theoretisch die Chance, die Welt zu retten, oder zumindest der beste Buchhalter des Landes zu werden.

© Andreas Rainer 09.10.2019