Auf Wienurlaub mit dem Linienflug U4

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Auf Wienurlaub mit dem Linienflug U4 | story.one

Als gebürtiger Wiener habe ich einen Nachteil: ich werde die lebenswerteste Stadt der Welt niemals als Außenstehender besuchen können. Um das zu ändern, habe ich ein Wochenende lang Tourist in meiner eigenen Heimat gespielt.

Mit dem Linienflug „U4“ geht es in den ersten Bezirk. Wenn es den Instagram Filter „Historisch“ gäbe, dann wäre er hier die Standardeinstellung: ein prachtvolles Gebäude reiht sich verschwenderisch an das Nächste. In deren Inneren geht es zumindest kulinarisch bodenständiger zu: frisch angerichtete Torten, Mehlspeisen und in Fett heraus gebackenes Fleisch bilden den Geruch der Stadt - zusammen mit den Pferdefladen der Innenstadt und dem ranzigen Duft der U1-Station Stephansplatz.

Mit der Zeitmaschine U3 geht es ins moderne Wien des siebten Bezirkes. Am Neubaugassenfest kaufen die Hipster orientalische Stickwaren, organische Lebensmittel und Handyhüllen. Eine Band singt auf einer kleinen Bühne französische Lieder, nebenan sitzt eine Gruppe von Männern an einem mit leeren Bierdosen beladenen Tisch. In Wien liegen die Welten nahe beieinander, auch wenn sie sich gegenseitig kaum berühren.

Am indischen Stand ein paar Meter weiter leert der Koch einen großen Sack Tiefkühlgemüse in einen gewaltigen Wok, den er anschließend mit einen halben Liter Tomatensauce aus dem Tetra-Pak aufgießt. Es dauert nur wenige Sekunden, bis das gefrorene Gemüse sich mit dem heißen Rest des Essens vermischt, sodass man schon bald keinen Unterschied in dessen Herkunft ausmachen kann und alles zu einem großen Ganzen wird. Es ist so, als würde der Inder in seinem Curry eine Metapher auf die Stadt selbst zubereiten.

Abends steht Schnitzel essen im Beisl am Programm. „Ich hab auch schon den König von Thailand bedient – aber eins sag ich Ihnen, der hat auch nur zwei Hände und zwei Füße wie jeder andere“, erklärt Wolfgang Stöger, Kellnerlegende aus der Schule des "Hotel Bristol." Nach dem Abendessen geht es auf den Gürtel, wo Wien im "Chelsea" zu Indie-Klassikern tanzt, die längst nicht mehr aktuell sind, doch was sind schon ein zwei Jahrzehnte in einer Stadt wie dieser? Irgendwann sind alle betrunken von den Wieselburgern aus der Flasche und man grölt zu „Wonderwall“ die Sehnsucht nach ewiger Jugend heraus. Die Nacht-Ubahn bringt mich nachhause, neben mir knutscht ein Liebespaar. Plötzlich steht der junge Mann auf und rennt zum Ausgang. Einmal noch dreht er sich kurz um, ruft der Zurückgelassenen ein „schön wars mit dir“ zu, bevor er in der Wiener Nacht verschwunden ist, während das zurückgelassene Mädchen zu weinen beginnt.

Wien ist Liebe auf den ersten Blick, und dann wieder auf den dritten oder vierten. In der einen Minute steht man vor einem barocken Palast, in der nächsten mitten am Balkan. Es ist garstig und warmherzig, angeberisch schön und sträflich vernachlässigt. In einem endlosen Moment ist es die imposanteste Stadt der Welt, nur um ein paar Augenblicke später wieder in der eigenen Melancholie unterzugehen.

© Andreas Rainer 18.04.2020