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#1sommer1buch#familienwahnsinn

3.840 Sekunden bis ...

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3.840 Sekunden bis ... | story.one

Längere Autofahrt, hin zum Silvrettamassiv. Konkreter Plan: Die Silvretta-Hochalpenstrasse erfahren. Richtig, Vorarlberg. Mit Betonung auf dem „a“, hab‘ ich mir sagen lassen.

Naturgemäß wird bei uns im Auto geschwiegen, so auch diesmal. Keine Regel, kein Gesetz, nein, das hat sich so eingebürgert, ist einfach passiert. Und wird fast immer stillschweigend und ungefragt wiederholt.

Aufbruch aus Schoppernau also. Richtung Silvretta. Einer fährt, zwei genießen die vorüberziehende Natur. Trotz Bewölkung und teilweisem Regen lässt sich die Schönheit der Landschaft mehr als nur erahnen. Der Vierte im Bunde, der üblicherweise vehement für Entschweigung sorgt, hat sich die Ohrstöpsel tief in seine Lauscher geploppt und lässt sich von seiner Lieblingsmusik beschallen.

So bleibt es allein der Navy-Lady vorbehalten, für gelegentliche Beredsamkeit zu sorgen und mich auf den richtigen Weg zu bringen. Heute ein schwieriges Unterfangen - kenn‘ ich mich doch grad so gar nicht aus.

Geschätzte Ankunft am Zielort um 10:50, signalisiert die Navi-Lady optisch. Aktuell zeigt die Uhr 9:40. Eine Weile dauert‘s also noch.

Hier in Vorarlberg wollen die Straßen nicht so schnell befahren werden wie im fernen Osten Österreichs. Und zudem lieben es die Vorarlberger, ihre Straßen mit Kurven und Serpentinen zu spicken. Damit man mehr von der Landschaft sieht, vermute ich. Kreisverkehre, wie in Niederösterreich oder Teilen der Salzburger Lande, sind selten. Spannend. Dabei ermöglichen gerade diese einen umfassenden Einblick in die Landschaft. Gut, Kreisverkehre mit zwei Meter Höhenunterschied...

Der Zafira serpentiniert also vor sich her, umkurvt eine Kuh nach der anderen, nimmt geschmeidig und routiniert jede Anhöhe, bringt uns ständig näher zum Ziel. Die Navi-Lady schweigt schwindelerregt und - mangels drohender Abzweigung - arbeitslos. Nur das Auf- und Abheulen des Motors ist zu hören, gelegentlich läutet ein Rindvieh.

Doch dann eine Stimme. „Noch ungefähr ... also ... in etwa dreitausendachthundertvierzig Sekunden sind wir am Ziel.“ Nein, nicht die Navi-Lady will wieder zu Wort kommen und ihr Aufgabengebiet ausweiten. Die ist weiterhin mehr mit sich selbst beschäftigt und ob der ungewohnten Kurvendichte sprachlos.

Die Stimme kommt also nicht aus den Lautsprechern - sondern von hinten. Zweite Reihe, Mittelsitz, fußfrei. Der Einstellige. Die Ohren entstöpselt, die Augen konzentriert nach vorne gerichtet, und ein Grinsen im Gesicht.

Die Uhr tickt mittlerweile bei 9:46.

Geschätzte Ankunftszeit: unverändert 10:50.

64 Minuten.

Wieviele Sekunden sind das schnell nochmal?

© Andreas Trimmel 2020-07-21

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