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Der Eiszapfen

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Der Eiszapfen | story.one

Die Nacht ist längst hereinfallen und hat den Tag überwältigt, dessen Widerstand gebrochen. Die Finsternis schluckt jeden sonnigen Lichtstrahl.

Er bettet sich zu Schlafe. Zieht die Tuchent hoch bis zum Kopf. Sofort durchfließt ihn wohlige Wärme. Er schließt die Augen und begibt sich in das Land der Träume. Ziemlich rasch.

Tief in der Nacht wird sein Tiefschlaf etwas weniger tief. Ihn fröstelt. Ein kalter Schauer überzieht ihn, ein eisiger Wind weht über ihn hinweg. Ein Eiszapfen fällt auf ihn. Und er kollidiert mit einem Eisberg. Erinnerungen werden wach. Titanic 3.0. Nur, dass er nicht untergeht sondern langsam ebenfalls zum Eisberg mutiert.

Er kann nicht unterscheiden zwischen Traum und Realität. Im Traum wirkt alles unfassbar real, selbst die größte Absurdität. So verwundert es nicht, dass ihn die Angst packt. Während er immer mehr erstarrt. Während er langsam und von den Zehen aufwärts einfriert. Der Eisberg hat ihn umschlungen, hält ihn fest. Immer kälter wird ihm, immer weniger kann er sich bewegen, immer langsamer geht sein Atem. Schließlich ist er ganz erstarrt. Ganz eingeeist. Selbst ganz kalt. Sein Herzschlag wird schwächer und schwächer - bis er schließlich ganz verschwindet.

Als er wieder „erwacht“ - unfähig zu entscheiden, ob im Traum oder im Realen -, fröstelt ihn nach wie vor. Wenn auch nur mehr leicht. Er hebt langsam das Haupt. Ja, er bewegt sich. Und sieht sich um. Erkennt die gewohnte Umgebung. Anscheinend doch real. Er blickt neben sich - und erblickt ihn. Da liegt er. Der Eisberg. Tief und fest schlafend. Und mittlerweile angenehm erwärmt.

Das Minimonster war übersiedelt. Wieder mal. Heimlich hat sich der 4.-Klassler mitten in der Nacht auf den Weg ins Untergeschoß gemacht und sich ins elterliche Bett gedrängt. Und sich an ihn gekuschelt.

Der Nachwuchs wird wach. Schnupfelt. Hüstelt.

„Warum bist Du hierher gekommen?“ fragt er ihn.

Nachwuchs: „Mir war sooo kalt!“

Er: „Deinen Kompagnons auch?“ (Anm.: gefühlt rund 100 Stofftiere, die mitgesiedelt sind.)

Nachwuchs (voller Überzeugung): „Ja, natüüürlich!“

Er.: „Was ist mit der Heizung in Deinem Zimmer?“

Nachwuchs: „Die hab‘ ich abgedreht.“

Ihn beschleicht das Gefühl, irgendwie grad gelinkt worden zu sein.

© Andreas Trimmel 08.03.2020

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