Hanseaten, Verporschungen und Vollpfosten

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Hanseaten, Verporschungen und Vollpfosten | story.one

Letzten Herbst hat sich mein Lars mit einem Vollpfosten angelegt. In der Tiefgarage. Und der hat ihm daraufhin gleich ein Ohr halb abgerissen.

Gut: Der Pfosten ist eine mauerne Säule, das Ohr ist ein Außenspiegel, und der Lars ist - mein Wagen. Nicht die Familienkutsche. Nicht Mika, der Zafünfa. Sondern dessen Cousin.

Ab in die Werkstatt also. Leider nicht in die in meinem Heimatort, die hatte einige Monaten zuvor dicht gemacht. Nein, in einen Riesenbetrieb in der großen Stadt.

Dort bekam ich an diesem Montag auch sofort einen Ersatzwagen. Einen Seat. Ganz in Weiß. Schnittig. Stolz. Und sehr selbstbewusst.

So selbstbewusst, dass der Spanier sich in großen, fetten Lettern „Porsche“ ins Blech gestrahlt hatte. Und das gleich mehrmals. Ein bewundernswertes Statement.

Als ich den verporschten Ersatzwagen entgegennehme, plaudere ich natürlich auch ein wenig. Nein, nicht mit dem Möchtegernporsche - das mach‘ ich später, wenn wir unter uns sind - sondern mit dem seatischen Verleiher. „Hans“ steht auf seinem Namensschild. Ich schmunzle, sag‘ aber nix, denk‘ mir jedoch grinsend „Wie passend, ein ‚hanseatischer’ Verleiher“.

„Ich brauch ihn am Mittwoch wieder zurück.“ meint der eindeutig aus Wien stammende Hanseate - so nenn‘ ich ihn ab nun gedanklich - im Autohaus. Nachdem er nur wenige Minuten zuvor ein „Sie können Ihren Wagen spätestens am Donnerstag abholen.“ von sich gab.

Ein sehr kreativer Ansatz: Der Ersatzwagen ersetzt den zu ersetzenden Stammwagen nur Teilzeit statt für die gesamte Ersatzzeit. Und am Mittwoch krieg’ ich dann wohl ersatzweise einen eintägigen Ersatzwagen für den Ersatzwagen. Geniale Strategie.

„Mittwoch brauchen Sie ihn?“ frage ich nach, um sicherzugehen, alles richtig verstanden zu haben. „Ja.“ lautet die zwar durchaus präzise, dennoch irgendwie unbefriedigende Antwort.

„Und Donnerstag bekomm ich meinen Wagen zurück?“ Wieder Zustimmung.

Ich warte, ob da noch was kommt. Etwas, das die Kluft zwischen den beiden inkompatiblen Aussagen überbrückt, die sich rüpelhaft aufdrängende Frage beantwortet. Aber - nichts. Gar nichts.

Ich, vorsichtig, die Frage durch Mimik, Tonfall und Sprechgeschwindigkeit nachdrücklich unterstreichend: „Sollte ... dann ... mein Wagen ... nicht doch besser ... schon ... am ... Mittwoch? ... fertig sein?!?!“

„Abwarten!“ kommt prompt zurück. Stoisch, hanseatisch ruhig und bestimmt.

Seufz, ich geb’s auf. Warten wir halt wirklich mal ab. Und sitzen das aus.

Und, was soll ich sagen: Es hat tatsächlich geklappt! Am Mittwoch, spätnachmittags, hab ich den Spanier mit dem übergroßen Ego zurück gebracht und meinen Tropenwind wieder in Empfang genommen. Mit neuem Ohr. Und neuer Flanke. In der hatte sich der Vollpfosten nämlich bei seinem Abrissversuch zwischenzeitlich festgekrallt.

© Andreas Trimmel