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Ein köstlich kullernder Knödel.

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Ein köstlich kullernder Knödel. | story.one

Er saß gerade über seinen Teller gebeugt, einen Knödel für den finalen Stich fixierend, kurz davor, die Gabel loszuschicken - als plötzlich sein Handy neben ihm losging. Natürlich ging auch die Gabel los - und verfehlte ihr Ziel. Krachte mit allen 4 Zacken wuchtig in den Teller. Und der Knödel hüpfte, erfreut über die Verfehlung, von telleren und kullerte über den Tisch. Flüchtete unrund.

Verärgert ob des Fehlschusses hob er ab. Bellte seinen Namen hinein. Ins Handy. Ein Kollegin bat ihn um seine Meinung. Und der Knödel kullerte köstlich weiter.

Die Kollegin fragte ihn, was er davon hielt, wenn... . Was er hielt? Er hielt nur die Gabel. Sonst nichts. Und die ziemlich verkrampft. Kein Wunder, nach diesem Fehlschuss, nach DEM kapitalen Fehlstich.

Während er der Kollegin erzählte, was er hielt - nein, von der krachend mit dem Teller kollidierten Gabel erzählte er nichts - , brachte er die Gabel neu in Stellung. Schwierig, bei einem sich bewegenden Ziel, bei einem unförmig dahinkullernden Knödel. Vielleicht sollte er besser den Zwillingsbruder, der stoisch ruhig am Teller verblieben war, der dort zufrieden und in sich ruhend vor sich hindampfte, ins Visier nehmen? Ja, das war wohl die bessere Lösung - auch, weil die Gabel nach dem vorangegangenen Fehlversuch nicht mehr ganz so zackig war. Und einen neuerlichen Verschuss konnte er sich nicht leisten, da würde dann sein Magen rebellieren, der wollte auch endlich auf seine Kosten kommen.

Während er nach wie vor telephonierte sah er aus dem Augenwinkel, dass mittlerweile der andere, der entfleuchte Knödel zur Ruhe gekommen war. Knapp am Abgrund sein Kullern beendet hatte. Rechtzeitig vor dem Absturz und der damit unweigerliche verbundenen Deformation. Das war die Chance, den Entflohenen wieder auf die richtige Bahn zu bringen, für Familienzusammenführung zu sorgen. Langsam bewegte er den nunmehrigen Dreizack, gegen den Wind - nicht, dass der Knödel was bemerkte! - , in Richtung des Ausgebüxten. Sprach dabei eifrig und zur Ablenkung ins Telephon. Ganz vorsichtig näherte er den kühlen Stahl dem heißen Knödel an, Zentimeter um Zentimeter. Bis sich Gabel und Knödel schließlich sanft berührten.

Nichts passierte. Der Knödel blieb vor Angst erstarrt und willenlos liegen. Und ganz sanft ließ er sich von der Gabel bedrücken, ließ sie ganz in sich hinein. Behutsam brachte die Gabel den Knödel zurück auf den Teller und ließ ihn dort wieder frei. Vor dem Genuss musste noch das Gespräch beendet werden. Beides gleichzeitig wurde schwierig.

Er beendete das Telephonat. Legte das Handy wieder auf den Tisch. Außerhalb der Schusslinie. Er widmete seine Gedanken und seine Blicke wieder dem Knödel. Er hob die Gabel an, holte zur Unterstützung noch ihren scharfen Bruder, ein spitzes Messer, hinzu und nahm einen der beiden Knödel ins Visier. Er kniff seine Augen zusammen, fokussierte seinen Blick, synchronisierte Augen und gabelführende Hand, und....

Klingelingeling! Krach! Kullerkuller.

© Andreas Trimmel 16.09.2020

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