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#1sommer1buch#normalanders#eigenartig

Hundchen, Herrchen - und was Gelbes

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Hundchen, Herrchen - und was Gelbes | story.one

Ein Hund, am linken Rand der zu einem Geh- und Radweg umfunktionierten Straße. Keine Ahnung, welche Sorte (der Hund). Irgendeine Mischung. Nicht allzu groß. Hechelt mit hängender Zunge. Steht auf allen Vieren.

Ein älterer Herr, am rechten Rand ebendieser Straße. Klein, Hut auf dem Kopf, Sonnenbrille auf dem kleinen, knolligen Riechzapfen, helle Bermudas über den oberen drei Viertel seiner Beine. Sandalen am unteren Ende seines gedrungenen Körpers. Hechelt nicht. Und auch die Zunge ist nicht zu sehen.

Ich, auf ebendieser Straße, von meinem Rad chauffiert. Sportlich schwarz gedressed (ich) bzw. blau-silbrig gefärbt (Rad). Zunge im Mund verstaut. Kein Hecheln.

Wir drei - Hund, Herr, ich - bilden ein gleichschenkeliges Dreieck, dessen gleiche Schenkel ich durch meine Approximation rasch verkürze.

Bald wird das Dreieck zu einer Linie verflacht sein, um dann seine Schenkel in die andere Richtung auszustrecken.

Der Hund? Sieht mich an. Hechelt immer noch. Auf allen Vieren stehend.

Der ältere Herr? Entpuppt sich als Hundes Herrchen. Sieht erst mich und dann den Hund, sein Hündchen, an. Hechelt noch immer nicht (das Herrchen).

Ich? Seh‘ beide an. Ja, das geht. Ich hab‘ beide im Blickfeld - und die Finger an den Bremshebeln. Hecheln? Fehlanzeige. Kommt später.

Ich approximiere das dritte Eck, also mich, und die Schenkel werden kürzer. Beide Schenkel und Basis sind gedachte Linien, welche die vitalen Eckpunkte des Dreiecks verbinden. Gedachte, unsichtbare Linien. Eine davon ist knallgelb.

K N A L L G E L B ? !

Wie jetzt?! Gedachte Linien in Farbe?! Echt jetzt?!

Die Basis hat‘s erwischt, die knallt mir ihr Gelb entgegen.

Sch...., das ist ... eine Hundeleine! Quer über den Radweg! Von Herrchens Hand zu Hündchens Hals!

Ich verlangsame die Approximation radikal. Bringe sie zum Erliegen. Negative Beschleunigung - sagen die Physiker. Entschleunigung - sagen die Psyochologen. Vollbremsung - sage ich.

Herrchen sieht mich ungläubig an. Und bequemt sich dann doch, sein Eck anders zu positionieren. Er überquert den Geh- und Radweg, hinüber auf Hündchens Seite - ohne zu vergessen, mir dabei kopfschüttelnd böse Blicke durch die Sonnenbrille entgegenzuschleudern. Begleitet werden die Blicke von ungehaltenem Gebrummle, flatternden Nasenflügeln und einem fuchtigen Arm, der unerklärbare Verrenkungen in der Luft vollzieht. Hoffentlich fuchtelt der zweite, hundeleinenhaltende Arm nicht auch bald mit. Nicht auszudenken, wenn der Hund ... von der hin-und-her zuckenden Leine ....

Ich ignoriere die mir zuteil gewordene Aufmerksamkeit, pfeif‘ auf das nun gewaltig schiefe, aber glücklicherweise nicht mehr über die ganze Breite der Straße reichende Dreieck, lass‘ die knallgelbe Basis links liegen und fahr‘ vorbei. Und bedanke mich dabei freundlich.

Herrchen? Brummelt, bösblickt, fuchtelt weiter.

Der Hund? Hechelt weiter. Entspannt im Gras liegend.

© Andreas Trimmel 2020-08-08

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