skip to main content

Tage des Lockdowns

  • 209
Tage des Lockdowns | story.one

Gedownlockte Tage, fürwahr.

Oben wird doppelt Distanz gelernt und einfach gepennt. Und ich homeoffizier’ allein und zurückgezogen unten im Keller, faktisch von früh bis spät eingesperrt. Down under, locked in translation. Ständig hab‘ ich Stimmen im Ohr, ständig red‘ ich vor mich her, ständig zieh‘ ich mir seltsame Videos rein. Und die beiden 8-beinigen Ladies leisten mir treu Gesellschaft.

Wie alt werden Spinnen eigentlich? Wieviele Lockdowns überleben sie? Wieviele Home-Office-Tage? Noch jedenfalls sind sie wohlauf. Und sehen bisweilen mit mir diese bizarren Videos. Videos von Menschen mit aus dem Ohren wachsenden Kabeln, von anderen Homeoffizieren und -offizierinnen mit überdimensionalen, verbügelten Ohrenschützern, die in ihren Wohnzimmern sitzen und dabei ganz wichtig Kamera und Mikrofon beschäftigen. Mittlerweile sind die Kameras großteils fest montiert und erlauben kaum mehr tiefere Einblicke in abgründige Gegenden der Offiziere. Offizierinnen waren da immer schon bedachter.

War‘s im Frühjahr teilweise Schockstarre, so ist nun übertriebene Geschäftigkeit erkennbar. Oder ist’s, weil sich’s im Home-Office leichter abtauchen lässt und sich die Aufgaben daher neue Opfer suchen? Jedenfalls jagt ein Meeting das andere, dazwischen quetschen sich vier Anrufe rein und dann gibt’s da ja auch noch eMails, die laut „Lies mich!“ blinken.

Wo die alle ausgebüxt sind, frag‘ ich mich.So wie Schwammerl aus dem Boden schießen die in meine Mailbox. Und gehen dort auf. Kaum pflück‘ ich eine, wachsen zwei neue nach. Ich hab‘ dann meine Strategie geändert. Hat aber auch nichts geholfen. Auch, wenn ich keine bearbeite - es kommen trotzdem 2 neue nach. Es ist wie verhext. Ein echter ätherischer Wildwuchs.

Das Gute ist: Die Zeit vergeht schnell, und bald ist der Tag vorbei. Das Schlechte ist: Genau dasselbe.

Gibt’s eigentlich Studien zur Thromboseanfälligkeit im Home-Office? Hat mein Wlan genug Elan? Nutzt sich die Kleidung im Home-Office anders ab als im homebefreiten Office? Welchen Einfluss hat vermehrte humane Präsenz auf das Liebesleben von Spinnen?

Fragen über Fragen...

However - höchste Zeit war‘s, mal Reißaus zu nehmen, mal frische Luft zu inhalieren. Den Kopf zu durchlüften, den Körper auf Touren zu bringen und den Geist mal abzuschalten. Genau das tat ich. Und hab’ den Wienerwaldsee umkreiselt. Ihn mehrmals umrollt. Gedankenbefreit. Tat echt gut, sich wieder mal zu bewegen. So richtig zu bewegen. Dass das einem Hindernislauf glich, dass dafür ein Slalom zwischen unzähligen anderen Reißaus genommen Habenden notwendig war, das tat dem Ganzen keinen Abbruch.

Die Stimmung? Traumhaft. Wie sich die Sonne langsam selbst versenkte, welch‘ Licht- und Farbenspiel sie dabei erzeugte, war genial.

Die Vorstellung, im Sommer ... bei 25 Grad mehr ... einen genialen Drink in der Hand ... einen Cocktail zur Brust ...

Daran könnt' ich mich gewöhnen.

Ob ich das Home-Office auf die Staumauer des Sees verlegen kann?

© Andreas Trimmel 2020-11-21

LOCKdown - 2.(0) Klappe

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Andreas Trimmel einen Kommentar zu hinterlassen.