Ein weiterer Tag geschafft

IDer Wecker läutet. Ich muss aufstehen. Mein Herz klopft wie wild. Schweißperlen tropfen auf mein Kissen. Der Magen krampft sich zusammen. Die Angst hat mich mal wieder voll im Griff. Wie soll ich es nur schaffen aufzustehen und meinen Kindern das Frühstück zubereiten? Ich muss. Ich zwinge mich aus dem Bett und gehe in die Küche.

Inzwischen höre ich die ersten Geräusche im Haus. Meine wunderbaren Kinder werden munter. Mein Mann begibt sich ins Bad. "Nur nichts anmerken lassen", schießt es mir blitzartig durch den Kopf. Während die Milch am Herd steht, zwinge ich mich zu lächeln.

Alle setzen sich an den Frühstückstisch. Plaudern munter und fröhlich. "Ich esse später" Ich würde keinen Bissen hinunterbringen. Das ist eine der unangenehmen Begleiterscheinungen meiner Panik.

Während wieder Ruhe im Haus einkehrt, da die Kids in die Schule gehen und mein Mann ins Büro, setze ich mich in eine Ecke und weine. "Allein die erste Stunde dieses Tages hat mir so viel Kraft gekostet. Wie soll ich nur den Rest schaffen?" Hier kommt mir meine Disziplin, die ich mir in meiner aktiven Trainingszeit als Balletttänzerin erworben habe,zugute. Auch wenn du noch so müde und erschöpft bist, es geht weiter.

Ich räume die Wohnung zusammen. Mache mich fertig, um in das Büro zu gehen. Die Zeit im Büro, die fokussierten Gedanken, helfen mir. Ich werde innerlich ein wenig ruhiger. Um 12 Uhr haste ich nach Hause um zu kochen. Ein frisch gekochtes Essen und gemeinsame Zeit am Tisch ist mir sehr wichtig. Dieses Mal esse ich nicht mit. "Ich habe zuviel zur Jause gegessen" Ich bringe noch immer keinen Bissen hinunter. Zwinge mich in der Küche einen Bissen Brot zu essen.

Ich räume das Geschirr weg. Jetzt könnte ich mich etwas ausrasten. Tu es nicht, da dann die Angst viel spürbarer wird. Haus und Garten bieten genug Arbeit um sich abzulenken. Oder ich bringe meine Kinder zu ihren Freizeitaktivitäten. Oder mache einen kleinen Ausflug mit ihnen.

Am Abend kommt mein Mann nach Hause. Ich habe das Abendbrot vorbereitet. Setze mich zum Tisch und würge ein paar Bissen hinunter. Mache die Küche fertig, während die anderen fernsehen , spielen oder noch für einen Test lernen.

Später gehen alle ins Bett und schlafen friedlich. Nur ich nicht. Wieder eine Nacht, in der der Einschlafschalter klemmt.

Der Wecker läutet. Endlich! Die Nacht war sehr lange. Ich muss aufstehen. Mein Herz klopft wie wild.

Inzwischen sind viele Jahre vergangen, in denen ich mich sehr geändert habe. Ich habe meinen Perfektionsdrang abgelegt. Habe gelernt, dass schwach zu sein okay ist und was Liebe alles vermag.

All diese dunklen Tage habe ich nur durch die große Liebe zu meiner Familie geschafft. Der wesentliche Schritt war sicher, sich externe Hilfe zu suchen. Für diese wunderbaren Menschen, die mir in einer sehr direkten Ehrlichkeit aufgezeigt haben, wo und ab wann mein Kurs in die Sackgasse geführt hat, bin ich unendlich dankbar. Aus der Dunkelheit wurde Licht - heller als es jemals geleuchtet hatte.

© AndreaSelene