...eine Heldenreise

Eines Tages, ich war neun Jahre alt, entdeckte ich in einer Schublade ein kleines blaues Büchlein. Ich schlug es auf und bemerkte, dass dies ein Tagebuch meiner Mutter aus Kindertagen war. Ich blätterte um und da stand der Satz, den ich nie wieder vergessen kann - in Kinderschrift geschrieben:"Heute ist meine liebe Mutti gestorben"

Meine Mutter musste flüchten. Ihre Heldenreise nahm in Krumau ihren Anfang. Sie musste das Haus der Familie, die Freunde - alles über Nacht zurücklassen und ins Ungewisse wandern. Im Gepäck: Angst, Verzweiflung, Traurigkeit. Angekommen in Linz und endlich wieder mit ihrem Vater vereint, fand die Familie in einem Barackenlager ein neues Zuhause. Bald nach der Ankunft starb Ihre Mutter. Meine Mutti war gerade sieben Jahre. Der Vater blieb mit gebrochenem Herzen und mit dem Trauma des Krieges mit dem kleinen Mädchen zurück. In diesen Tagen schickte man Kriegswaisen zur Erholung zu Familien in den Süden Europas. Meine Mutter musste abermals ihre kleine Reisetasche packen. Sie wurde einem Ehepaar in Coimbra, in Portugal zugeteilt. Aus ein paar Wochen wurden zwei Jahre. Das Paar, das selbst keine Kinder hatte, verliebte sich in meine Mutter. Wenn man sich Fotos aus dieser Zeit ansieht, kann man erkennen, wie glücklich Mutti in diesen Tagen war. Schon bald sprach Edith, meine Mutter, fließend portugiesisch und die Pflegeeltern wollten das Kind adoptieren. Mein Opa stimmte nach längerer Überlegung zu. Er sah, wie glücklich sein Mädchen war und wollte Mutti nicht noch einmal eine Trennung in ihrem Leben zumuten. Zu diesem Zeitpunkt aber, hatte er eine neue Lebensgefährtin, die ihm vorwarf unmenschlich zu sein und ihm befahl das Kind wieder zurückzuholen.

Und so wurde meine Mutter abermals aus einer Geborgenheit gerissen und musste sich wieder in Österreich einleben. Die Trennung von den Wahleltern in Portugal fiel ihr so schwer, dass sie anfangs nur portugiesisch sprach. Schnell waren ihr Vater und dessen Lebensgefährtin, die selbst vier Söhne hatte, überfordert. Sie schickten das verängstigte Kind in das Internat eines katholischen Ordens, welches nach dem Gesetz der Zücht(igung) und Ordnung geführt wurde. Am Esstisch musste man gerade sitzen, und durfte auf keinen Fall aufschauen. Sonst wurde der Teller weggenommen und man bekam keine Nachspeise. In der Nacht durfte man nicht auf der linken Seite schlafen, sonst gab es Schläge. Die ganze Nacht wachte eine Nonne im Schlafsaal über die Kinder. Jedes Vergehen zog harte Strafen nach sich.

Nach der Schulzeit waren sich Vater und Tochter kaum mehr nahe. Bis zu dem Zeitpunkt, als Mami meinen Vater kennen lernte, war das Zusammenleben von Härte und Kälte geprägt.

Wie hart die Prüfungen auch waren, meine Mutter wusste das Leben zu schätzen, konnte in der Natur Kraft und Energie schöpfen und stand immer wieder auf, um zu lieben und für uns Kinder und ihren geliebten Mann da zu sein. Wo auch immer du jetzt bist, Mama: Ich liebe dich!

© AndreaSelene