Einfach nur tanzen

"Wasssagendieanderen" hieß mein jahrelanger Begleiter. Den Gesellen hatte ich von meiner Mutter geerbt. Ihr war es einfach wichtig. Gutes Benehmen und das Bild, dass die Menschen von einem hatten. Das war aber keinesfalls aufgesetzt - kein Scheinbild - wir trachteten danach ein gutes Leben mit klaren Werten und Disziplin zu leben. Und das eingebettet in ein liebendes Umfeld.

Dieser kleine Kerl aber wurde mit der Zeit zu einem unbewussten Einflüsterer. "Das macht man nicht!" "Das kannst du nicht tun" "Was sagen die anderen?" Das wiederholte er fast unhörbar, aber doch sehr eindringlich zigmal am Tag.

Und das würde er heute noch tun, wenn da nicht dieses Erlebnis in unserem Venedigurlaub gewesen wäre. Unsere Familie machte, solange die Kids klein waren, jedes Jahr Urlaub in der Nähe von Jesolo. Dabei gehörte ein Tagesausflug nach Venedig als Pflichtprogramm dazu, denn wir alle lieben diese Stadt. Es gab so viel zu entdecken und zu erleben.

Einmal standen wir am Markusplatz und hörten den Musikern zu. Ich liebe diese Atmosphäre: Eine Symbiose von Menschen aus aller Welt, Musik und Kultur. Dieser Platz berührt mich jedes Mal, wenn ich dort bin. Ich stand also mit meiner Familie an diesem wunderbaren Ort, lauschte den Klängen und dachte mir: Einmal im Leben würde ich gerne auf diesem Platz tanzen. In diesem Augenblick siegte mein Tänzerinnenherz über den Wassagendieanderen! Ohne nachzudenken, begann ich zu tanzen. Selbstvergessen und voller innerer Freude.

Mein Mann und mein Sohn gingen auf Abstand. Ziemlich peinlich für einen jungen Burschen, wenn die Mutter da einfach tanzt:) Meine Mädchen dachten sich wahrscheinlich:" Oh Gott, wir können unsere Mutter da nicht so alleine tanzen lassen" und schlossen sich mir an.

Was jetzt geschah, habe ich mir in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Eine und einer nach dem anderen gesellte sich zu uns und bald waren wir eine kleine Gruppe von ca. zwölf Personen, die ausgelassen und einem breiten Grinsen im Gesicht getanzt haben. Nach ein paar Minuten löste sich unsere Gruppe wieder auf. Wir lächelten uns einander zu, gaben uns die Hand und ein paar Menschen umarmten sich. Beseelt gingen wir wieder, jeder in eine andere Richtung, weiter.

Eines wird wohl in allen von uns weiterleben: Diese Unbeschwertheit, Leichtigkeit, die Freude und das Zusammengehörigkeitsgefühl, dass wir in diesen Augenblicken erlebt haben.

Bild: Thomas Hendele pixabay

© AndreaSelene