Es ist nie zu spät...

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Es ist nie zu spät... | story.one

"Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben." Ich weiß zwar nicht, wer diesen Spruch geprägt hat, aber er hat mich lange beschäftigt. Wie soll das gehen?

Wenn ich mich doch als Kind so oft alleine gefühlt habe, wenn sich wieder einmal der gesamte Fokus auf meine Geschwister gerichtet hat. Wenn ich verzweifelt und überfordert war zusehen zu müssen wie meine Mutter an der Krankheit meiner kleinen Schwester beinahe zerbrach. Wenn ich im Ballettsaal stand und meine Mittänzerinnen mich ignorierten. Da spielte wohl auch Eifersucht mit, denn ich wurde immer als außergewöhnliches Talent in den Himmel gehoben. Wenn ich doch das "Opfer" der Umstände war:)

"Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben." Irgendwann kam mir dann dieser Spruch in die Quere. Während ich mich anfangs innerlich sträubte, die tiefe Wahrheit und den Sinn zu sehen und zu erkennen, so ließen mich diese Worte doch nicht mehr los. Wie aber sollte das funktionieren?

Und dann habe ich mich eines Tages hingesetzt und beschlossen, meine Kindheit mal zu betrachten - ohne die Ereignisse, die mich scheinbar immer wieder belasteten.

Und dann erscheinen die Szenen, drängen sich mit zarten Flügeln auf die Oberfläche meines Erinnerns. Streichen sanft durch mein Herz und berühren mein ganzes Wesen. Die Adventzeit mit der Familie, die selbstgebackenen Kekse, der Duft von den Bratäpfeln und "Knecht Ruprecht", mein Lieblingsgedicht. Die Kasperlgeschichten meines Vaters bringen mich zum Schmunzeln. Die Spaziergänge, die ich als Kind in meinem Stadtviertel alleine gewagt habe - immer ein Stückchen weiter weg von unserer Wohnung. Ich fühle mich stark und mutig. Die gemeinsamen Wanderungen im Mühlviertel und das Beeren pflücken. Mutti erklärt uns die Pflanzen und erzählt uns, wie wichtig der liebevolle Umgang mit der Natur ist. Die unzähligen Stunden mit meinen geliebten Büchern. Gerade die Sagen des Altertums, die griechischen und römischen Heldensagen haben es mir angetan. Später werde ich diese wunderbare lehrreiche Literatur noch einmal neu entdecken. Der stolze Blick meiner Eltern, wenn ich auf der Bühne tanze. Die innere Freude und das Vergessen aller Probleme, wenn ich mich zur Musik bewege.

Und dann geschah es: Ich begann, meine Kindheit umzuschreiben. Dankbar, für meine Mutter eine Stütze gewesen sein zu dürfen. Dankbar für die Widrigkeiten mit den Mitschülerinnen, denn die haben mich stark werden lassen. Dankbar für die Einsamkeit, denn sie hat mich ganz zu mir geführt - mich mit einer sehr starken Intuition beschenkt.

Zugegeben, so schnell ist es dann doch nicht gegangen, das mit dem Umschreiben. Hatte ich doch lange genug mein Hirn auf "ich bin so arm" programmiert.

Aber mit etwas Hartnäckigkeit ist es heute soweit. Ich hatte eine "wunderbare" Kindheit mit Höhen und Tiefen. Das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und dafür bin ich sehr dankbar.

© AndreaSelene 11.10.2019