Grüß Gott Tod

Ich durfte schon einige Menschen in ihren letzten Stunden begleiten. Meine Schwester, meine Mutter, meine Schwiegermutter. Jeder Mensch stirbt anders. Vielleicht auch so, wie er gelebt hat. Diese tiefen Erfahrungen haben auch in mir etwas ausgelöst. Fragen über das Leben und Sterben und über die Zeit danach. In dieser Geschichte geht es jedoch über das Leben.

Meine Mutter hat oft zu mir gesagt, dass der Tod ihr Freund sei, denn sie war der Überzeugung, dass dies unumgänglich ist, um befreit leben zu können. Die letzten Tage ihres Lebens verbrachte meine Mutter im Krankenhaus, begleitet von ihrem geliebten Mann, meinen Vater. Ich habe die beiden angestoßen, um sich noch das zu sagen, was beim anderen in Erinnerung bleiben soll. Und so haben sie sich für die gemeinsame Zeit bedankt und sich noch einmal beteuert, wie sehr sie sich lieben. Dies ist ein unendlicher wertvoller Schatz, den mein Vater noch heute im Herzen trägt.

Was ich aus diesen Tagen für mich mitgenommen habe ist, wie wichtig es ist, zu Lebzeiten über den Tod zu sprechen. Meine Mutter glaubte an ein Weiterleben in einer anderen Form und das hat ihr in den letzten Stunden sehr geholfen. Ich habe oft mit ihr über das Leben nach dem Sterben gesprochen. Zwei Tage vor ihrem Tod hat sie zu meinem Vater gesagt, dass sie schon "hinter den Schleier" schauen kann.

Diese Erfahrungen des Sterbens haben meine Sicht auf das Leben geändert. Seitdem sammle ich Glücksmomente. Dies sind Momente, für die es sich zu leben lohnt. Das sind kleine Augenblicke oder auch Begegnungen, Musik oder ein Baum am Wegesrand. So viele kleine wertvolle Geschenke, die ich in einem Tagebuch in Form von Collagen und Bildern konserviere. Das erinnert mich an grauen Tagen, wie reich ich doch bin.

Ich sehe die Menschen anders. Wenn ich auch das Verhalten vieler Artgenossen widerlich finde, ist mir doch bewusst, dass Mensch in seiner Essenz immer nur eines möchte: Geliebt werden. Niemand ist wirklich "ein schlechter Mensch".

Ich lasse mehr Leichtigkeit und Freude zu. Erlaube mir, nicht perfekt zu sein, Spaß zu haben, Neues auszuprobieren und auch zu scheitern. Ich möchte das Leben VOLL leben. Nicht im Schongang.

Grüß Gott Tod. Grüß Gott Leben.

© AndreaSelene