Kein Krokodil an der Leine

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Kein Krokodil an der Leine | story.one

Als Kind liebte es ich es, alleine spazieren zu gehen. Sei es nur mit einem Abstand zu meinen Geschwistern und Eltern, oder später in der Umgebung wo wir wohnten. Das war eine Zeit, die ganz mir gehörte. Da wir in einer relativ kleinen Wohnung lebten und ich mit meinen beiden Geschwistern einen Raum teilte, war ich sonst praktisch selten allein.

Viele Kinder haben vor dem Schulalter imaginäre Freunde, mit denen sie sich auch unterhalten. Man sagt, dass Kleinkinder eine weitreichende Fantasie haben. Ich hatte kein Krokodil an der Leine, das mich begleitete - so wie der Sohn von Bekannten Darum beneidete ich ihn. So einen Kumpel konnte man überall mitnehmen. Meine Freunde waren Bäume, Steine und vor allem die Sonne. Mit ihnen sprach ich, erzählte ihnen von meinen Sorgen und Ängsten. Das tat ich weit über die erste Klasse Volksschule hinaus.

An eine Begebenheit kann ich mich noch besonders erinnern: Ich war wohl vier oder fünf Jahre alt. Meine Familie und Freunde von uns waren im Mühlviertel wandern. Ich bin wieder einmal ein Stück voraus gegangen. Ich unterhielt mich mit der Sonne. Den Inhalt des Gespräches weiß ich nicht mehr, aber auf einmal hörte ich ganz deutlich, wie die Sonne in mir antwortete. Ich bildete mir ein, dass sie mir Gedanken zuflüstern würde. Auf jeden Fall war ich fest der Meinung, dass die Sonne mit mir gesprochen hatte.

Ich erzählte meinen Eltern davon, diese lächelten und meinten: „Andrea, das bildest du dir nur ein. Die Sonne kann nicht sprechen. Sie ist kein Mensch.“ Enttäuscht ging ich weiter. Ich war mir so sicher.

Wie auch immer, an das Gefühl, das ich damals in diesem Gespräch mit der Sonne hatte , kann ich mich noch heute sehr deutlich erinnern. Auch wie der Ort ausgesehen hatte, wo dies stattfand. Der Weg im Wald, seine Beschaffenheit, die Waldlichtung, die Bäume und der Geruch - alles ist in mir präsent.

Gerade diese Tage, wo das verheerende Feuer in Brasilien wütet, habe ich mich an diese Kindertage erinnert. Die Natur war und ist für mich ein lebendiges Wesen mit dem man selbstverständlich auch reden kann und wenn man ganz still ist, auch „reden“ hört. Wie schön wäre es, wenn wir wieder zurückkehren würden uns als Teil dieser Natur zu sehen. In einer Symbiose , die leben und überleben möglich macht - in einer Liebe zu diesem Paradies - in einer Wertschätzung zu unserem Planeten.

© AndreaSelene 24.08.2019