Die Weltenweberin

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Die Weltenweberin | story.one

Erinnerung ist flüchtig. Wie wenig substanziell Gedanken sind. Schimären. In meinem Tagebuch lese ich über vergessene Dinge und Ereignisse. Habe ich das geschrieben? Entschwunden, als wäre es nie gewesen, manchmal nebelgleich: War das so oder habe ich davon nur erzählt bekommen? Ein bisschen wie der Rand der Welt in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“. Er löst sich auf, weil das „Nichts“ voranschreitet. Bastian muss das Land Phantasien retten, indem er seine Wünsche lebt: „Tu was du willst“ ist das Motto. Und mit jedem verwirklichten Wunsch verliert er eine Erinnerung.

Nicht nur die „Unendliche Geschichte“ legt es nahe: Leben, so wird mir zunehmend klar, kann ich nur im Jetzt – und das ist eine Spanne von einigen wenigen Sekunden. Ich finde das faszinierend.

Ich entdecke, dass das Bild, das ich mir vom Leben, von der Erde oder vom Kosmos mache, genau das ist: ein Bild. Letztendlich ist es eine Ansammlung von Gedanken und Vorstellungen. Ich sehe mir Filme über das Weltall an und lasse mir Geschichten über Moleküle und Atome erzählen, höre über fremde Kontinente und Länder. Ich bilde mir Meinungen, höre anderer Leute Ansichten und frage mich: Was daran ist wahr und objektiv richtig? Wie kann ich wirklich wirklich wissen, dass mein Bild davon stimmt?

Manchmal scheint mir, dass die Wahrnehmung meines atmenden Körpers und der Blick an die Wand meines kleinen Zimmers (das ist alles, was ich in den wenigen Sekunden des Jetzt erreichen kann), das einzige ist, über das ich mit einiger Gewissheit sagen kann, dass es IST.

Die Wissenschaft hat lange geglaubt, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt, von der wir getrennt sind und die wir als Objekt betrachten können. Die Erkenntnisse der Quantenphysik lassen darauf schließen, dass das nicht stimmt. Es scheint, dass der Mensch die Dinge nicht wie durch eine Glaswand betrachten kann, als ob er nicht dazugehöre. Auf geheimnisvolle Weise beeinflusst er durch sein bloßes Beobachten die Ergebnisse seiner Versuche .

Was das wirklich bedeutet, hat sich, so glaube ich, noch nicht genug herumgesprochen. Obwohl diese Erkenntnisse bereits Anfang des 20. Jahrhunderts dämmerten, sind sie schwer zu verdauen. Sie rütteln an den Grundfesten dessen, was man seit Newton glaubte: die Welt sei mechanisch, berechenbar und objektiv fassbar. Statt dessen kommen die Götter zurück, die wir geleugnet haben.

Wir sind Teil des Spinnennetzes Welt. Wenn es erzittert, schwanken wir alle. Wir sind radikal miteinander und mit allen Dingen verbunden. Das Spinnennetz ist Symbol der Göttin Maya. Im Hinduismus ist sie die Schöpferin all dessen, was wir als Welt vorfinden, die Weltenweberin. Ihr Sanskritname bedeutet „Zauber, Illusion“. Das Baumaterial dieser Zauberwelt sind Gedanken und Erinnerungen – wir alle weben daran, seit Äonen. Aber Maya gilt als Verführerin. Die Göttin betört und verzaubert, verbirgt hinter ihrem Schleier das, was wirklich ist. Was ist Traum und was ist Wirklichkeit?

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© Angelika Guldt 14.07.2019