Lung Gom Pa

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Lung Gom Pa | story.one

Zugegeben, unsere Familienkultur war nie wirklich auf Sport angelegt. Es gab eine Zeit, da war mein Körper noch biegsam und gespannt wie eine Feder, und ich hielt das für selbstverständlich. Diese Geschmeidigkeit war aber nicht von Dauer, denn für mich gab es in erster Linie Bücher, Philosophen und Diskussionen, was sollte ich also mit Körperübungen!

Immerhin, wir gingen ganz gern spazieren und Rad fahren, aber das musste bitte schon gemütlichen Charakter haben. Um seiner Familie gerecht zu werden und trotzdem nicht ganz in Stillstand zu verfallen, erfand mein Mann deshalb die Disziplin des Höhenschichtlinien-Wanderns. Wer Wanderkarten kennt, weiß – wer sie kreuzt, strengt sich an! Gute Wege waren deshalb solche, die an diesen Linien entlang führten. Demselben Geist folgend, boten sich für Radtouren Routen entlang eines Flusses an – am besten flussabwärts.

Unter den vielen Büchern, die ich gelesen hatte, während andere Menschen ihre Körper stählten, war auch eines, das sich mit spirituellen Höchstleistungen befasste. Ich las fasziniert über dokumentierte Fälle von Placebo-Heilungen, Yogis, die sich wochenlang bei lebendigem Leibe begraben ließen und unversehrt aufwachten, und Lung Gom Pas, tibetische Wunderläufer, die durch jahrelanges Atemtraining und Konzentrationsübungen 48 Stunden mit unglaublichem Tempo durchlaufen konnten. Angeblich wurden sie immer wieder von Reisenden dabei beobachtet, wie sie Gazellen gleich mit überirdisch langen Schritten über die tibetische Hochebene fegten. Ich war fasziniert.

Im wirklichen Leben kam es eines schönen Frühlingtages, dass wir in einer unserer seltenen Anwandlungen von Sport in für uns recht flottem Tempo am Flussufer der Traun entlang radelten. Wir freuten uns über die Natur und genossen plaudernd unseren Ausflug. Plötzlich kündigten Geräusche hinter uns an, dass jemand zu einem Überholmanöver ansetzte. Wir machten also dem sportlichen Weggenossen Platz, indem wir hintereinander an die rechte Seite auswichen.

Wir trauten unseren Augen kaum, als statt des erwarteten Radfahrers ein langbeiniger Läufer mit gepardenartiger Leichtigkeit locker an uns vorbei sprang. Mit nur wenigen ausladenden Schritten verschwand er rasch um die nächste Kurve. Dann war es still und wir blickten uns verblüfft an – wir realisierten, dass uns dieser Mann laufend und nicht radfahrend abgehängt hatte, als ob wir in Zeitlupe unterwegs gewesen wären! Wir diskutierten aufgeregt, ob wir beide dasselbe gesehen hatten, so unglaublich schien uns das Erlebte.

Noch heute tendieren wir zu der Auffassung, dass das nur ein wahrer Lung Gom Pa gewesen sein kann, denn eines glauben wir sicher zu wissen: so langsam konnten nicht einmal wir gewesen sein!

© Angelika Guldt