Schlafe nicht

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Schlafe nicht | story.one

Als ich vor Jahren meinen ersten Campingurlaub unternahm, fielen mir die zahlreichen Hinweisschilder zu Zeltplätzen auf. Das war neu – es gab sie offensichtlich in fast jeder Stadt!

Sie waren natürlich schon immer da. Ich hatte sie nur nie wahrgenommen. Seither kann ich gar nicht anders, als die Schilder zu registrieren. Sie wurden quasi von meinem neuen Bewusstsein als frisch gebackene Camperin „angeknipst“. Erst als meine Empfangsbereitschaft eingeschaltet war, konnte der Sinnesreiz auf der Netzhaut in mein Gewahrsein gelangen.

Mein Nachkästchen quillt über von Büchern. Ich schleppe meine Lieblingsexemplare allabendlich vom Lesesessel im Erdgeschoss mit ins Schlafzimmer, damit ich sie im Fall des Falles griffbereit bei mir habe. Ich bin eine Schnellleserin und habe die Gewohnheit, Bücher, die mich interessieren, mehrmals zu lesen. Zuerst, um die Geschichte zu erfassen, dann um den Inhalt zu geniessen, dann um mich wieder daran zu erinnern. Meine Lieblingsbücher lese ich über Jahrzehnte hinweg.

Lesen ist magisch. Wenn ich mich in ein Buch versenke, das mich fasziniert, tauche ich ein in die Aura der Autorin oder des Autors. Ich spüre mich förmlich verbunden. Immer wieder springen dann Sätze, die mir vorher nicht weiter aufgefallen sind, ins Bewusstsein – so wie die Hinweistafeln beim ersten Urlaub mit unserem kleinen Wohn-Ei.

Wir sind ein wenig wie Radioempfänger, laufen quasi auf einer bestimmten Frequenz. Wer dort sendet, den können wir auch empfangen und hören. Wenn wir eingestimmt sind aufeinander, erkennen wir uns ohne viel Worte. Schwingen wir disharmonisch, dann folgen die unguten Radioprogramme auf dem Fuß. Geht gar nicht anders, denn das Radiogerät empfängt eben nur Programm auf der jeweils eingeschalteten Frequenz.

Erweitern wir im Laufe unserer Erfahrungen unsere Bandbreite oder ändern wir die Frequenz, können wir plötzlich alte Texte neu lesen. Tiefer verstehen. Menschen, die wir zu kennen glauben, neu entdecken oder andere Menschen in unser Leben lassen. Unsere Empfangsbereitschaft hat sich verändert. Wir haben uns gewandelt.

Deswegen glaube ich an Zeichen. Sie erzählen im Außen darüber, was sich bei mir im Inneren verändert hat. Sie ermutigen mich, dem, was aufkeimt, auch Glauben zu schenken. Sie verstärken wie ein Pendel, was dem Wachbewusstsein noch verborgen ist. Sie sind geheimnisvoll, künden vom Verborgenen und lassen mich ahnen, dass das Außen ein Spiegel ist. Wach sein für Zeichen bedeutet gewahr sein, was innen vor sich geht.

Vor einigen Jahren habe ich im Radio gerade noch mit einem Viertel Ohr den Satz gehört: „Schlafe nicht, das Tor ist weit geöffnet, schlafe nicht“. Dieser Satz sprang mich buchstäblich an, als ob er in mir gesprochen worden wäre. Noch heute klingt er bedeutungsvoll nach. Im Alltag ist es schwierig, diesen Zustand der Wachheit zu halten – aber es lohnt sich, denn es geht um die Art Wachheit, die Eingaben von dort möglich macht, wo das wahre Sein zuhause ist.

© Angelika Guldt 14.07.2019