Seelenfreundschaft

Ich ließ sogar Kakteen vertrocknen. Hinter Vorhängen verborgen, unbeachtet und ungewässert – dieses Schicksal ereilte die wenigen Pflanzen, die das Unglück hatten, mir in die Hände zu fallen. Meine Abenteuer waren im Kopf.

Eine Orchidee war es dann, die meine schlummernde Liebe langsam weckte. Trotz meiner schwankenden Sorgfalt dankte sie mir mit ausdauernder Blüte. Ich weiß nicht warum, aber ich nahm es persönlich und fühlte mich geschmeichelt. Meine Aufmerksamkeit steigerte sich. Dann kamen Bromelien und Weihnachtssterne: auch sie reagierten gut auf meine unbeholfenen Pflegeversuche. Immerhin war ich dabei angelangt, einmal wöchentlich nicht nur an sie zu denken, sondern mich tatsächlich gießend und umtopfend mit ihnen zu beschäftigen.

Die zarten Wesen fingen an, mich zu bezaubern. Im ultimativen Land der Gärten wurde die Liebe dann besiegelt. Bis zu meinem ersten Besuch in den berühmten „Lost Gardens of Heligan“ beim Dorf mit dem bezaubernden Namen Mevagissey hatte ich nicht gewusst, welch tropische Pracht englische Gärten beheimaten. Staunend stand ich im grünen Dickicht der Baumfarne und im Schatten riesenhafter Rhabarberpflanzen, wanderte durch blühende Rhododendren-Haine, lernte den „Taschentuchbaum“ kennen, dessen Blüten wie weiße Schneuztücher in den Blättern hängen, bewunderte die zarte Buntheit von Anemonen und freute mich in den üppigen Nutzgärten über eigenwillig gefärbten Mangold, alte Apfelsorten und die Vielfalt duftender Kräuter.

Pflanzen sind die Seele der Erde, sie strecken sich zum Licht und atmen den Himmel, meditieren ihn in ihren ästhetischen Körpern und holen ihn herunter in den Boden. Sie verkörpern vollkommene Schönheit, sie duften und heilen, sie leben und weben und ohne sie keine Freude, kein Atmen. Der Glanz des Lebens in den zarten Adern der Blütenkelche. Das Wunder des Samens. Die mächtige, uralte Eiche in all ihrer Würde und Weisheit kommt aus einer unscheinbaren Eichel, die schon im Dunkel der Erde weiß, wer sie ist. Das unbegreifliche, wundersame Drängen des Wachstums im Frühling, das aus allen Poren Schönheit sprießen lässt.

„Die Natur ist draußen und drinnen; sie durchwebt uns, nicht nur stofflich und energetisch, sondern sie durchdringt uns auch mit inneren Bildern, mit erhabenen Inspirationen, sie ist beseelt und Ausdruck kosmischer Intelligenz“ so schreibt der „Schamane vom Allgäu“ Wolfgang Storl. Die Seele, von der er spricht, ist auch unsere. Sie durchdringt Steine, Tiere, Pflanzen und alles Leben im Kosmos.

Es gibt kein besseres Vorbild als einen knorrigen Baum, dessen Wurzel den Stein, der ihn am Wachstum hindert, umfängt und ihn letztlich in sein Leben integriert. Die Schönheit und Perfektion der Pflanzen sind ein Grund, warum wir wissen können, dass die Macht, die das Leben formt, gut ist.

Die wichtigste Lehre für mich, die gerne im Kopf zuhause ist: Die Liebe braucht Taten. Ohne Gießen und Düngen keine Seelenfreundschaft!

© Angelika Guldt