Ruhe und Frieden in Marrakesch.

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Ruhe und Frieden in Marrakesch. | story.one

Obwohl der Tag viel zu früh von einem Muezzin eingeläutet wird, schaffen wir es, auch das 2. Gebet um 6 Uhr gekonnt zu "überhören". Der erste Tag in Marrakesch brachte uns ein Meer an Sinneseindrücken. Und auch heute sollte es genau so weitergehen. Nach einem französischen Frühstück mit Café au lait, Baguette und Mini-Crepes machen wir uns zu Fuß auf zum Jardin Majorelle: Ein 1980 von Yves Saint Laurent übernommener und gestalteter Garten am Rande der Medina.

Hinter der hohen Mauer erwartet uns eine duftende Vielfalt an Kakteen, Palmen und Blüten. Liebevoll gepflegt säumen die Pflanzen aus den unterschiedlichsten Fleckchen dieser Erde die schmalen Pfade des Jardin Majorelle. Buntbemalte Tontöpfe in grellem gelb, sattem blau und zartem orange runden das Bild dieser grünen Oase in Marrakesch ab. Fast wie im Paradies, mit jeglicher Aufmerksamkeit auf die Natur und ihre Schätze. Wir schlendern durch die Ruhe bis zum Café. Zwei Espressi und kab al ghazal (süße Kipferl mit Mandelfüllung) stärken uns für unseren 8 km Marsch entlang der Stadtmauer der Medina Richtung Süden.

Nahe einer Bushaltestelle dreht ein Zuckerwatteverkäufer an der Kurbel seiner Maschine und fängt die rosarote Watte gekonnt auf einem Bambusgrashalm auf. 10 Dirham für eine große Portion und einen strahlenden Grinser von Sohnemann.

Spontan entscheiden wir uns für einen Abstecher in die Ensemble Artisanale. Hier findet man alles, was ein Künstlerherz begehrt: handgemachten Schmuck, selbstgeknüpfte Berberteppiche, Tücher, Metallwaren und Bilder. Aber vor allem das Gebäude ist schon ein Kunstwerk an sich. Aufwendige Mosaiken bezeugen die mühevolle Kleinstarbeit und strahlen auch nach vielen Jahrhunderten von den Wänden und Decken. Wie lange daran wohl gearbeitet wurde, frage ich mich.

Liebhaber maurischer Kunst dürfen die Saadier-Gräber in Marrakesch nicht auslassen. Auch uns zieht es in das im 16. Jahrhundert von Moulay Ahmed el-Mansour ad-Dahbi errichtete Mausoleum. Wir betreten die Ruhestätte und werden vom angenehmen Duft des Lavendels und Rosmarins empfangen. Zwischen kleinen Mandarinenbäumchen ruhen die 62 Mitglieder der Saadier-Dynastie in schlichten Gräbern. Und auch ein Kätzchen schläft hier friedlich auf einem Grabmal. Warum manche dieser Gräber hier so klein sind, will Sohnemann wissen. Die hohe Kindersterblichkeit in jener Zeit macht ihn nachdenklich. Ein Ort der Stille, der etwas Magisches an sich hat: farbige Zellij-Mosaiken, verschlungene Arabesken, vergoldetes Zedernholz und weißer Marmor. "Armer" Reichtum umgeben von Toten, friedlich und ruhig, inmitten einer Stadt voll mit purem Leben, von dem hier drinnen so überhaupt nichts zu spüren ist. Hier gefällt es mir und ich genieße die Andacht und Ruhe.

Vom blühenden Leben im Garten Majorelle zum vollkommen gegensätzlichen Kontrast in den Tombeaux Saadiens zeigt sich Marrakesch als Metropole, die nie zu schlafen scheint und irgendwie aber doch.

© Animalingua 05.04.2020