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Amselgeschichte

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Amselgeschichte | story.one

Was für ein Tag!

Die Morgensonne setzt den mächtigen Auwald des Nationalparks Donauauen in Szene. Zaghaft schleichen morgendliche Nebelschwaden dahin und weichen gehorsam der Kraft der Sonne. Geweckt wurde ich durch ein energisches Vogelkonzert zu früher Stunde, noch lange vor dem Sonnenaufgang. Ich denke an das Amselmännchen, das in den letzten Tagen vom eifrigen Treiben meines Mannes im Garten sehr entzückt ist. Gemüsebeete vorbereitend, verursacht er so manche Erdbewegung. Herr Amsel ist dann immer in der Nähe und nützt seine verlässlichen Hilfsdienste, um bequem und sicher an die leckersten Würmer und dicksten Engerlinge zu kommen. Richtig zutraulich ist er mittlerweile geworden, sitzt geduldig am Gartenzaun und beobachtet, um den Moment des Genusses nur ja nicht zu versäumen.

Im Schutz der Hecke hat er mit seiner Liebsten ein Nest gebaut, und jedes Jahr ist es ein wahres Vergnügen, das fürsorgliche Gehabe des Vogelpaares zu beobachten. Nach dem unbekümmerten Flirten und Necken im Februar wird eifrig das Nest auf Vordermann gebracht. Moos, Gras, kleine Äste – fleißig arbeitet das Vogelpaar. Immer auf der Hut, immer vorsichtig und ablenkend, um ja nicht zu verraten, wo sich das Domizil tatsächlich befindet. Dann folgt die Zeit, wo Herr Amsel die Verköstigung seiner Frau übernimmt, da sie damit beschäftigt ist, das Nest warm zu halten. Von März bis Juli kann es zu zwei bis drei Bruten kommen. Zwei Wochen werden die 3 bis 6 Eier ausgebrütet, zwei Wochen werden die Amselbabys im Nest versorgt.

Danach geht’s in die Flugschule. Begleitet vom energischen „Tak, tak, tak“ und „Tix, tix, tix“ der stolzen Amseleltern werden die Jungen zum Fliegen motiviert. Manchmal landet ein Amselkind auch auf der Mauer oder in der Wiese und wartet, dass Ma oder Pa mit Futter vorbeikommen. Nach der Versorgung mit „Essen im Flug“ wird es dann wieder angespornt, seine Flugversuche aufzunehmen.

Als wir vor 28 Jahren unser Haus bezogen haben, gab es in dieser Gegend kaum Amseln. Damals hatte ein Virus die Population stark minimiert. Aber sie haben ihn besiegt. Heute sind sie Ganzjahresgast in unserem Garten, und darüber freue ich mich sehr. Und sie erfreuen mich mit ihrem melodiösen Gesang nicht nur lange vor Sonnenaufgang, sondern auch am Ende des Tages in der Abenddämmerung. Das genieße ich sehr, wenn sich der Himmel in sattem Rot färbt, die nahe Donaubrücke umhüllt und meinen Blick auf die Lichter der Dörfer im Marchfeld und die dahinterliegenden, blinkenden Windräder schweifen lässt.

Was für ein Tag – und doch ist in diesen Frühlingstagen 2020 alles anders, aus dem Gleichgewicht, ein bisschen "verrückt". Ein Virus hält die Menschen weltweit in Atem. Die Amseln haben ihn seinerzeit besiegt...

© Anita Gürth 05.04.2020

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