#baumwelten #einfotoundseinegeschichte #generations

Die Tulpenmagnolie

  • 183
Die Tulpenmagnolie | story.one

Im Garten meines Elternhauses steht eine Tulpenmagnolie von stattlicher Größe. Der Baum reicht mittlerweile weit über den Dachfirst hinaus. Der graubraune Stamm hat eine feinrissige Borke. Mitte April trägt er üblicherweise hunderte trichterförmige, kinderhandgroße Blüten. Am Ansatz rosa, zur Blattspitze hin weiß. Der ganze Baum strahlt dann in leuchtendem hellrosa. Gepflanzt wurde der Baum vor 30 Jahren.

Im Frühjahr 1990 ersteht meine Mutter in der Baumschule in unserem Dorf eine kleine Tulpenmagnolie. Vielleicht 30 cm hoch. Zartrosa. Gemeinsam mit meinem Vater wählt sie einen passenden Standort. Wie alles, was meine Eltern im Garten anpacken, gedeiht auch diese Pflanze ganz prächtig.

So viel ist seither geschehen. Die Einwohnerzahl Österreichs ist 1990 bis 2019 von 7,6 Mio auf etwa 8,9 Mio angewachsen. Während ein Liter Diesel 1990 um umgerechnet EUR 0,6 zu haben war, kostet er heute vergleichsweise etwa EUR 1,17.

Die Enkelkinderschar meiner Eltern erhöht sich auf vier. Alle machen ihnen große Freude und sie unterstützen meine Schwester und mich tatkräftig bei der Kinderbetreuung. Selbst nach unserer Übersiedlung in die ca. 15 km entfernte Kleinstadt lassen sie es sich nicht nehmen, meine Kinder von der Schule abzuholen, in die Musikschule zu bringen und uns alle oft mit Oma-Essen zu versorgen. Besonders stolz machen sie erfolgreiche Schul- und Studienabschlüsse ihrer Enkelkinder, und sie genießen es, sich von ihnen chauffieren zu lassen. Mit großer Freude können sie auch teilhaben an der Entwicklung von zwei Urenkerln (sie sind heute 12 und 14 Jahre alt). Die Feste im Jahreskreis ebenso wie die „großen Stunden“ jedes einzelnen Familienmitgliedes werden gebührend gefeiert. Generationenübergreifende Diskussionen um Politik, neue Medien, Gott und die Welt stehen dann auf der Tagesordnung. Tradition wird bewusst gepflegt.

Seit der Pflanzung der kleinen Magnolie gab es aber auch so manchen Abschied. 2016 verstirbt plötzlich mein Vater. Er war 88 Jahre alt und mit meiner Mutter 65 Jahre lang verheiratet. Eine große Lücke ist entstanden. Meine Mutter (damals 85) fällt in ein tiefes Loch, und plötzlich werden viele Defizite transparent. Anfangs versuchen meine Schwester und ich (mit Unterstützung aller Familienmitglieder), ihre Betreuung und Versorgung im Haus zu übernehmen. Nachdem die Demenz immer mehr fortschreitet, bedienen wir uns der mobilen Hauskrankenpflege. Seit Oktober 2018 ist meine Mutter rund um die Uhr betreut und seit Mai 2019 ist sie bettlägrig. Ihrem größten Wunsch wollen wir entsprechen: sie möchte daheim bleiben; in ihrem Haus, das sie mit unserem Vater gemeinsam gebaut hat.

Mit der heurigen Blüte der Tulpenmagnolie werden wir deren 30. Geburtstag feiern – und auch den meiner Tochter. Und mit dem Fall der zartrosa Blüten, noch bevor sich die matten frischgrünen Blätter entwickeln, wird sie uns auf die Vergänglichkeit unseres Daseins hinweisen.

© Anita Gürth 07.03.2020

#baumwelten #einfotoundseinegeschichte #generations