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Zufallsbegegnungen

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Zufallsbegegnungen | story.one

Immer wieder berühren mich unbekannte Menschen. Diese Momente ergeben sich dann, wenn du nicht damit rechnest, sie überraschen dich, wenn du dafür offen bist. Bringen dich zum Lächeln und Staunen.

An einem Samstag Ende Oktober schlendere ich frühmorgens durch die Wiener Wollzeile Richtung Innenstadt. Wie ich diese Stimmung liebe. Entspanntes Treiben in und vor den Läden. Drinnen wird die Ware geordnet, draußen wird der Gehsteig gekehrt. Die frischen Waldpilze duften heute besonders erdig – ich nehme eine Prise davon mit. Noch schnell ein frischer Apfel gekauft, ehe ich mich auf mein bevorstehendes Seminar fokussiere. Da kommt mir neben dem Stephansdom Arm in Arm ein junges Pärchen entgegen. Trotz kühler Außentemperatur sind die Beiden sehr sommerlich gekleidet – Trägershirts und kurze Shorts. Sie präsentieren kunstvolle, bunte Tätovierungen. Ohren und Lippen sind aufwändig gepierct. Sie wirken ausgelassen und übermütig. Auf gleicher Höhe treffen sich unsere Blicke. Es folgt ein gegenseitiges Zulächeln. Und dann erreicht - plötzlich und unerwartet - ein höfliches, unbekümmertes „Schönen, guten Morgen“ meine Ohren! „Guten Morgen und schönen Tag euch beiden“, kann ich gerade noch überrascht entgegnen. Ich drehe mich um und wir winken einander lachend zu.

Mitte Dezember genieße ich die Wintersonnenstrahlen bei einem Mittagsspaziergang im 20. Meine Hände vergrabe ich tief in den Manteltaschen, Mütze und Schal zupfe ich – dem kalten Wind trotzend – sorgfältig zurecht. Da kommt mir auf dem Gehsteig ein Rolli entgegen. Mühsam versucht sein Benutzer die kalten Räder in Schwung zu halten. Mit roter Nase und roten Wangen lächelt er mich zahnlos an. „Soll ich helfen?“, frage ich vorsichtig. „Es ist die Kälte, die Finger sind so klamm“ zischt er hervor. „Darf ich Sie ein Stück chauffieren? Sie können Ihre Hände in der Zwischenzeit in den Jackentaschen wärmen“, so mein Hilfsangebot, das gerne angenommen wird. „Das Caritas-Wohnhaus ist gleich da vorne um die Ecke“. An dessen Tür bedankt sich mein zahnloser Freund herzlich, und wünscht mir lächelnd einen schönen Tag.

Am Bahnsteig Wien-Traisengasse leert ein Mann die Abfallkübel. Freundlich grüßt er jeden Reisenden, der mit ihm Blickkontakt aufnimmt. Er beginnt ein Gespräch mit einer Frau. In gebrochenem Deutsch. Beide stammen aus Kroatien, so höre ich. In gebrochenem Deutsch. Plötzlich hält er inne, lacht und führt die Konversation in ausländischer Sprache fort. Auch ich muss herzlich lachen. Beim Einsteigen in meinen Zug fragt mich die Frau, ob ich ihn kenne. Nein, das tu ich nicht. Sie auch nicht. Lachend winken wir ihm zum Abschied zu. Sie fragt, ob sie sich zu mir setzen darf, und sie erzählt mir von ihren in Niederösterreich lebenden Kindern und Enkelkindern. Und davon, dass sie vor 40 Jahren hierher gekommen und jetzt auf dem Heimweg von ihrer Arbeitsstelle ist.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen (Guy de Maupassant).

© Anita Gürth 06.03.2020

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