Verluste

[Die Inspiration für diese Geschichte war das Bild eines brennenden Hauses, im Hintergrund ein Wäldchen und im Vordergrund eine Frau, die mit einem Kleinkind um ihr Leben läuft. Ich habe sie aus der Perspektive einer vielleicht 30-jährigen Frau erzählt . ]

Eines Morgens war ich aufgewacht, weil ich einen seltsam ungewohnten Geruch in die Nase bekommen hatte. Es ist schon einige Zeit her, ich habe mich nie überwunden, es jemandem zu erzählen. Doch jetzt wage ich es; meine Trauer und Belastung sind zum Teil von mir abgefallen.

Dieser Geruch, ich konnte ihn zuerst nicht einordnen, doch nach einiger Zeit konnte ich ihn sehen. In Form von kleinen, langsam aufsteigenden Rauchwolken. Meine Augen schlossen sich kurz und öffneten sich sofort wieder, nachdem ich bemerkt hatte, dass ich nicht träume, und mir wurde bewusst, was ich sah. Brannte das Haus, in dem ich bis vor Sekunden noch friedlich geschlafen hatte, das Haus, in dem meine Familie lebte, seit über 100 Jahren? Meine Augen gewöhnten sich an die dämmrige Atmosphäre, Staub tanzte in den einfallenden Sonnenstrahlen. Alles könnte so schön sein. Ich könnte meine Tochter wecken, ihr Frühstück zubereiten, dann meinen Mann zum Zug bringen. Meine Familie raste in flüchtigen Bildern an meinem inneren Auge vorbei, lauter Erinnerungen, über die Jahre verteilt. Ich musste sie retten.

Wie automatisch stand mein Körper aus dem Bett auf und bewegte sich zum Kinderbett. „Amelie?“, flüsterte ich, meine Stimme zitterte. Wie sollte ich meiner vierjährigen Tochter erklären, dass sie wahrscheinlich nie wieder ein Frühstück mit mir genießen können würde, so wie sie es gewonht war?

Meine Gedanken wurden durch mein eigenes Husten unterbrochen. Ich drückte die Tür auf, Rauch stieg in meine Nase. Ich sah Flammen über meinen Büchern lodern, Panik machte sich breit, und doch fühlte ich mich stärker denn je.

Mit dieser neuartigen Kraft befreite ich mich aus dem hölzernen Haus, ich weiß nicht mehr, wie. Und dann fiel mir mein Mann ein, womöglich schlief er noch. Vielleicht war er auch schon im Zug. Ich hoffte auf letzteres.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich Amelie mit nach draußen genommen hatte. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Das erste Mal an diesem Tag hatte ich Zeit, richtig ein- und wieder auszuatmen. Ich spürte förmlich, wie sich die Luft in meine Lungen sog.

Ich rannte los, fühlte mich schneller und stärker als der Wind, doch gleichzeitig spürte ich, wie die Tränen auf meinem Gesicht entlang flossen. Es war, als würden sie gefrieren. Bald konnte ich nichts mehr sehen. Ich stoplterte über eine Wurzel, meine Stirn schlug auf etwas sehr Harten auf. Ab diesem Punkt gibt es keine Erinnerungen mehr.

Ich weiß auch nicht, wie die letzte Konversation mit meinem Mann ausgesehen hatte, war es ein Streit gewesen, hatte er mir gesagt, dass er mich liebte? Niemand weiß es, niemand erinnert sich.

© Anna Broggini