Pause von schlechten Nachrichten

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Pause von schlechten Nachrichten | story.one

Wieder einmal sitze ich auf unserem Gartenhüttendach, um den Kopf freizubekommen. Ich will einfach nur mal die ständigen Gedanken an den Coronavirus loswerden. Jeder redet nur mehr über das Eine. Natürlich habe ich Angst, es zu bekommen, und ich verstehe die strengen Maßnahmen, aber die schlechten Nachrichten rund um die Uhr gehen mir wirklich langsam auf die Nerven.

Also bin ich vom Feld hinter unserer Gartenmauer über die Mauer auf das Dach geklettert. Es ist noch ziemlich kalt draußen und mir fröstelt schon ein bisschen in meiner dünnen Jacke, aber ich will noch den Sonnenuntergang abwarten. Unsere Katze Lilli beginnt einen Spaziergang über das Feld. Sie geht in Richtung Nachbarn, wo sie dann verschw. Über die Mauer hinweg in das große Feld zu sehen, gibt mir immer das Gefühl unendlicher Freiheit. Neben mir im Baum raschelt etwas, aber ich sehe nicht hin, weil ich keine Sekunde des Spektakels verpassen will. Ich lehne mich zurück, lege die Füße in die Dachrinne, und schaue in den Himmel hinauf. Die Sonne ist schon fast nicht mehr zu sehen, weil sie direkt hinter einem Haus untergeht. Aber man sieht noch immer den leicht orange gefärbten Lichtkranz, welcher den Sonnenuntergang erst so richtig schön macht. Im Sommer ist er zwar noch schöner, aber nach einem nicht so bezaubernden Winter ohne Schnee tut es gut, wieder einmal ganz bewusst der Sonne zuzusehen. Plötzlich Stille. Seltsam, wie schnell und einfach die Sonne, die unseren Tag immer ein bisschen erhellt, verschwinden kann. Der Schein rundherum ist nämlich auch schon fast ganz verschwunden. Ein einsamer Vogel zwitschert der Sonne noch hinterher, dann ist es endgültig still. Fehlanzeige: Obwohl der Verkehr deutlich weniger geworden ist, seitdem alle daheim arbeiten, fährt noch ein letzter Lastwagen vorbei. Vielleicht bringt er Lebensmittel, denke ich, oder Klopapier. Auch wenn Klopapier wirklich NICHT lebensnotwendig ist! Als er wieder im Horizont verschwindet, ist nichts mehr zu sehen vom Zauber, nichts übrig von der Helligkeit des Tages. Es ist ganz leise. Das sehe ich als Zeichen und beschließe, zu gehen. Nur einen Moment genieße ich noch die Stille, bevor ich mich wirklich aufsetze. Ich blicke mich um. Im Garten ist es schon stockdunkel, was mich irgendwie erschreckt, weil es eben noch so hell war. Ich gehe zum Rand des Daches, setze mich an die Kante, um in den Garten zu springen. Kurz zögere ich, aber dann lasse ich mich fallen. Es ist nicht so hoch, aber meine Knöchel schmerzen beim Aufprall. Ich ignoriere den Schmerz und laufe los. Es klingt komisch, aber ich genieße es, knallhart ins Leben zurückgepfeffert worden zu sein. Besser gesagt: Mich ins Leben zurückgepfeffert zu haben. Ich laufe eine Runde ums Haus, um wieder richtig anzukommen und begegne Lilli wieder. Ich nehme sie hoch und streichle ein paar Mal. Wie auf Kommando beginnt sie zu schnurren. Dann gehe ich mit ihr wieder ins warme Haus hinein. Was Warmes, das wär was! Ein Kakao oder so...

© Anna Holzinger