Kommentar eines Hauses

Meine Dielen krachen, die schönen Schnörkel am Balkon sind vom Wetter gekennzeichnet und der alte Kachelofen spendet meinen Bewohnern Wärme und Geborgenheit. Ich bin so alt, dass ich schon gar nicht mehr weiß wann ich begann alt zu werden. Ich habe mehr gesehen als viele andere und heute kann ich eine schöne und zugleich traurige Geschichte erzählen. Nein, eigentlich ist es nur ein Auszug aus einer Geschichte und diese ist die meine.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde ich vom erzbischöflichen Besitz in die Obhut einer Familie gegeben. Damals war ich ungeheuer aufgeregt, denn ich hatte doch zuvor noch nie jemanden gehabt zu dem ich tatsächlich gehört hatte. Die Pächter waren nette Leute gewesen, aber sie hatten sich nicht wirklich um mich geschert. Es war ihnen egal, ob ich vielleicht einen neuen Anstrich vertragen hätte oder ob meine Außenmauern von lästigem Unkraut geärgert wurden. „Aber jetzt würde alles anders werden“, dachte ich mir. Denn um das eigene Heim kümmert man sich doch um so vieles lieber, als um ein geborgtes. Ach, ich sehe sie noch heute so deutlich vor mir, wie sie mit dem kleinen Zweispänner vorfuhren. Die hübschen Noriker waren mit liebevoll gepflegtem Geschirr aufgezäumt und die vierköpfige Familie stieg in schönster Sonntagskleidung von dem Gefährt herunter. Mit angehaltenem Atem versuchte ich den nur denkbar besten Eindruck zu machen. Ein Knecht lud das Gepäck ab und der neue Hausherr bekam den großen metallenen Schlüsselbund überreicht. Seit diesem Tag habe ich nie mehr den Besitzer gewechselt. Ich habe tiefe Trauer und unvermeidliches Leid genauso wie überschwängliche Freude und plötzliches Glück miterlebt. Anfangs beherbergte ich neben der Familie noch viele Mägde und Knechte. Im Laufe der Zeit wurden die Leute am Hof immer weniger und inzwischen leben nur noch sechs Leute in mir, aber da bin ich kein Einzelfall. Sie nennen es den Rückgang der ländlichen Bevölkerung oder auch Landflucht. Nichtsdestotrotz bin ich froh dort zu sein, wo ich bin. Hin und wieder höre ich einige Kollegen flüstern, wie es bei den anderen in der Stadt so zugeht. Grausam muss das sein. Dicht an dicht steht man beieinander und niemand fühlt sich zuständig für einen. Auch die Häuser dort scheinen abwesend zu sein. Traurig und ihrem Schicksal völlig ergeben fristen sie ihr Dasein. Oh, ja wie froh ich doch bin ein altes Bauernhaus zu sein. Ich gebe zu, dass ich auch eine melancholische Ader habe und diese gar nicht so selten hervorkommt. Dennoch ich liebe es mit voller Hingabe meine Familie zu beschützen und ihnen für immer eine Zufluchtsstätte zu sein.

Ich weiß nicht wie sich die Welt für uns Häuser entwickeln wird. Es gibt überhaupt keinen Grund optimistisch zu sein, aber sollte man deshalb pessimistisch denken?

© Anna Lackner