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Anna rennt ...

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Anna rennt ... | story.one

In den letzten Jahren bin ich gerannt, immer, ständig, von einem Ziel zum nächsten. Ohne Verschnaufpause. Immer weiter dem nächsten Ziel hinterher.

Mein Unternehmen lief gut, mir nicht gut genug, also alles ändern, neu machen, hinterfragen. Das ist nicht schlecht – ganz und gar nicht – aber immer alles auf einmal? Nie zufrieden, nie genug.

Vor 9 Monaten gab es schon das erste Zeichen, dass es Zeit für Pause ist. Das erste mal #stayathome für mich. Das Sprunggelenk, dass ich mir so gründlich, wie ich alles mache, verletzt hatte. So, dass es noch immer nicht ganz verheilt ist. Letztes Jahr verbrachte ich schon viele Wochen zuhause, Homeoffice und Zeit zum Nachdenken. Die hab ich genützt, um das nächste Projekt vorzubereiten, die nächsten hohen Ziele zu stecken. Sobald ich wieder gehen konnte, ging es weiter. Vom einen Ziel zum nächsten, alles musste sein. Zufrieden war ich nie. Eine nicht greifbare Panik zog mich, schob mich, trieb mich an.

Und nun? Nun hab nicht nur ich Pause, sondern die ganze Welt. Seit 3,5 Wochen bin ich nun zuhause. Wieder mal, nur diesmal ist es anders. Die ersten zwei Wochen, habe ich versucht, was ich konnte um alles am Laufen zu halten, neue Projekte anzustoßen, etwas zu bewegen. Wenn schon keine Aufträge, dann likes, klicks, irgendwas. Wollte den Stillstand nicht akzeptieren. Die Zeit muss ich doch nützen! Nur irgendwie hat das nicht geklappt, niemanden hat interessiert, was ich anzubieten habe. Bis ich gemerkt habe, dass die Überzeugungen, dass kein Umsatz das Ende bedeutet, dass ich ohne meine Firma nichts bin, all das hat mich zu völlig irrationalen Aktionismus getrieben. Das war der erste Umbruch. Darauf folgte eine Woche voller Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und vielen Handyspielen. Bis dann, bei dem Call mit meiner Mentee, schlaue Worte aus meinem Mund purzelten:

"Es ist okay, nicht so zu funktionieren, wie man sich das vorstellt. Es ist okay, nicht alles zu schaffen. Es ist okay, Dinge zu machen, die einfach nur Spaß machen. Weil warum, warum wären wir denn sonst hier? Es geht doch am Ende nur darum, dass es uns gut geht."

Diese Worte wirkten in mir nach. Es hat etwas gedauert, bis sie wirklich in meinem Bewusstsein angekommen sind.

Ja, warum bin ich denn sonst hier? Ich glaube, jetzt bin ich in Phase 3 meiner Quarantäne Zeit. Ich mache die Dinge, die mich glücklich machen. Ich habe für mein Business alles getan, was ich tun kann. Jetzt kann ich nur noch darauf vertrauen, dass die Dinge, so kommen, wie so kommen sollen. Was für eine Last da von mir abfällt. Die Zeit des Rennens ist nach sechs Jahren vorbei. Jetzt darf ich fliegen, schweben, tanzen und still stehen. Nach was auch immer mir ist.

Mein neues Ziel ist, mir die beste Zeit zu machen, die ich je zuhause hatte. Aber hinterher laufe ich dem nicht.

© Anna Werr 05.04.2020

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