Der Stille zuhören

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Auf einmal ist die große Welt da draußen still und leer

- kein Lärm, der betäubt, keine Überfülle an Angeboten, die ablenkt.

Auf einmal ist da ein Raum der Ruhe für die kleine Welt da drinnen

- für Gefühle und Gedanken, die leise flüstern, aber im Lärm der Zeit nicht gehört werden.

Jetzt ist der Moment, um ihnen nachzufühlen, um ihnen zuzuhören.

Ich habe der Liebe zu meiner Familie nachgespürt, die ich immer als Selbstverständlichkeit durch den Alltag getragen, der ich zu selten Aufmerksamkeit geschenkt und noch seltener Ausdruck verliehen habe.

Ich bin dem Verlangen nach Freiheit gefolgt und habe erkannt, dass ich erst meine inneren Grenzen öffnen muss, damit ich endlich bereit bin auszubrechen, wenn die äußeren wieder geöffnet werden.

Ich bin in die Erinnerungen von Tagen auf dem Fahrrad und Nächten im Zelt, vor Glück schweigenden Strandspaziergängen, die Musik und das Leben feiernden Festivals und Geburtstagskuchen-essenden Gesprächen eingetaucht

- habe den Fahrtwind in meinen Haaren und die Leichtigkeit in meinem Herzen, den warmen Sand unter meinen Füßen, die Vibration des Basses in meinem Körper und das unersetzbare Gefühl der umarmenden Geborgenheit von Zuhause gespürt

- habe gefühlt, wie ich dieses Leben liebe und wie wenig ich ihm das zeige.

- habe zum ersten Mal nicht nur gelesen, sondern verstanden, dass diese gesammelten Momente wohl tatsächlich das sind, was uns zu reichen Menschen macht.

In meinen Gedanken und Gefühlen habe ich Erkenntnisse gefunden, die es jetzt festzuhalten und in die Normalität des Alltags einzuschreiben gilt, damit ich sie weiter sehe und höre, auch wenn die Welt wieder voll und laut wird:

Ich will mir weiter Zeit und Ruhe nehmen, Liebe zu spüren und Liebe zu geben

- den Menschen, mir selbst, dem Leben.

Ich will mir weiter Zeit und Ruhe nehmen, die Grenzen in meinem Kopf abzubauen, um die Weite der Welt entdecken zu können.

Ich will mir weiter Zeit und Ruhe nehmen, neue Erinnerungen zu sammeln, um in jedem Augenblick und an jedem Ort in die Momente des kleinen und großen Glücks des Lebens eintauchen zu können.

Dieser Text soll Mut machen der Stille zuzuhören.

Ich bin der festen Überzeugung, wir können trotz aller Ängste und Sorgen viel von ihr lernen

- für unsere kleine Welt da drinnen und die große Welt da draußen.

© Anne Brill