Vom Glitzer und Glamour nach Afrika

Es ist wieder einmal ein Montag Morgen um 7 Uhr am Frankfurter Flughafen. Um mich herum marschieren Männer in Anzügen mit Aktentaschen und ernstem Blick zu ihren Gates. Irgendwie schauen sie alle ziemlich fertig aus. Keiner lächelt. Abgestumpft wirken sie: ihre Haut ist grau, ihre Augen leer. Ich bin 27 Jahre alt und im Transit auf dem Weg nach Paris. Und wieder einmal frage ich mich, was ich hier eigentlich soll. Und schimpfe mich ganz schnell wieder, dass ich mich das gar nicht fragen darf, denn: Ich habe ja einen Traumjob! Ich darf in die Modemetropolen Europas fliegen und coole Modeleute in noch cooleren Locations treffen. Ich bin Projektleiterin eines stylishen Magazins und jette von einem tollen Event zum nächsten. Dafür würden andere doch alles geben! Der Job ist ein Sprungbrett für noch spannendere Aufgaben mit dem Who is Who der Modeszene. Aber warum fühlt sich das dann alles so leer für mich an? Und so verdammt nah am Burnout?

Die Wahrheit ist, dass ich eigentlich nicht viel von den Städten sehe, wenn ich dort für ein Meeting ankomme. Schnell geht es mit dem Zug zu einer Messe in die Aussenbezirke, oder mit der U-Bahn zu einer Shooting Location in einer alten, schmutzigen Fabrikshalle. Alles ist schrill und schnell. Ich muss funktionieren, repräsentieren, Leistung bringen. To-Do Lists abarbeiten und das Spiel mitspielen. Das heißt: Cool und abgebrüht rüberkommen, nur ja keine Begeisterung oder Freude zeigen. Sonst heißt es schnell du bist „abgehoben“ oder „unseriös“. Aber kann das wirklich alles sein? So viel Lärm um fast nichts?

18 Monate später: Ich sitze auf einer riesigen Holzterasse in Munyunyo, Kampala und blicke hinaus auf den unendlich weiten Viktoriasee. Um mich herum zwitschern Vögel und sprießen Palmen und üppige Bougainvillea. Ich warte auf ein Interview mit Ugandas erfolgreichster Sängerin. Ich bin Chefredakteurin von Ostafrikas größtem Frauenmagazin „African Woman“ und verantwortlich für die Uganda- und Kenya-Ausgaben. Wir fahren gemeinsam in meinem kleinen, 20-Jahre alten Auto in das Slum in der Industrial Area zu ihrem Hilfsprojekt. Wir treffen Ärzte, Frauen, Kinder – sie lachen, freuen sich, dass wir da sind. Wir hören die neue CD der Sängerin an, die Kinder tanzen ausgelassen mit. Meine Schuhe? Die habe ich schon längst ausgezogen.

Am meisten bewundere ich die afrikanischen Frauen. Egal in welcher Lebenslage, sie strahlen eine unheimliche Stärke aus und einen Lebenswillen, der mich inspiriert. Und sie sind stolz, eine Frau zu sein. Ja, sie unterstreichen ihre Weiblichkeit sogar noch mit ihren Gesten, ihrer Körperhaltung, ihrer Kleidung. Die Sängerin will uns ihr neues Video zeigen, aber der Strom ist schon wieder ausgefallen und wir haben kein Internet. Aber das macht gar nichts. „Wir können ja morgen, oder übermorgen weitermachen.” Denn Stress kennt man hier nicht: „Überall auf der Welt gibt es Uhren, aber in Afrika, da gibt es Zeit.“ Das fühlt sich gut an.

© Anne-Liese