Ich glaube noch immer ...

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Ich glaube noch immer ... | story.one

Die Nacht ist fast sternenklar. So hell war es schon lange nicht mehr. Und ein kalter Wind fährt den Bäumen durchs kahle Wintergeäst. Ich stehe am Balkon, starre in die Dunkelheit. Es ist kurz nach 10 Uhr abends und ich weiß noch immer nicht, was ich tun soll. Entscheidungen waren noch nie leicht. Und seit du weg bist, ist es umso schwieriger geworden. Also was denn nun? Umziehen, zum Auto gehen, auf den "Start"-Knopf drücken und noch in einer Bar aufschlagen? Oder lieber gleich ab ins Bett, die Decke weit über den Kopf gezogen? Ich bin hin- und hergerissen. Wie so oft. Mein Herz sagt mir, leg dich hin, so müde wie du bist. So müde vom Leben. Mein Verstand sagt mir, geh raus, setz einen Fuß vor die Tür, und wenn es nur für eine Stunde ist.

Ich verharre hier draußen. Wie ein Stein. Reglos. Und warte, dass die Eingebung kommt. Zwei Minuten vergehen. Fünf. Sieben. Irgendwann ist da die Erkenntnis, dass ich jetzt ohnehin wieder nicht einschlafen könnte, legte ich mich sofort ins Bett. Also los jetzt. Reiß dich zusammen, schmeiß dich ins Kleid, setz ein Lächeln auf. Ich greife also nach der Tasche, ziehe die Wohnungstür hinter mir zu und drücke auf den "Start"-Knopf.

Etwas später sitze ich an der Bar. Ein Glas Wein vor mir. Vergnügte Gesichter um mich herum. Ich komme ins Gespräch. Mit alten Bekannten. Wie es mir geht. Was es Neues gibt. Viel zu viel sage ich nur. Und nippe am Glas. Damit ich sonst nichts mehr sagen muss.

Und irgendwann trete ich wieder hinaus in die Nacht. Es ist spät geworden. Ich habe es ganz schön lang ausgehalten. Ich bin ein bisschen stolz auf mich. Oder zumindest rede ich mir das ein. Doch schon im nächsten Augenblick ist da wieder diese Einsamkeit, die mir die Kehle zuschnürt und meinen Atem zu einem lächerlichen Zittern verkommen lässt. Ich schnappe nach Luft und auf dem Weg zurück zum Auto kämpfe ich bereits wieder mit den Tränen. Es ist immer dasselbe. Es ist immer wieder peinlich. Es ist immer wieder traurig. Dass man so tief fallen kann. Und dass man den Aufstieg jedes Mal wieder verpasst. Wo sind die Steigbügel? Wo ist das Seil? Ich habe das alles schon wieder nicht gefunden. Ich bin wieder abgerutscht. Ich bin wieder in der Senke.

Die Straßen sind um diese Zeit fast leer. Und man kann die Gefühle direkt aufs Gaspedal übertragen. Mit voller Wucht. Und irgendwann erreicht man die Wohnung. Ein Zuhause ist das schon lange nicht mehr. Und trotzdem ist da jedes Mal diese Hoffnung, wenn ich die Türe aufsperre. Ich glaube noch immer, du bist noch da. Liegst schon im Bett und ich kann mich an dich schmiegen. Oder vielleicht bist du beim Fernsehen eingeschlafen. Auf dem Sofa. Und ich beobachte dich noch ein bisschen beim Schlafen, bevor ich dir einen Kuss gebe und wir gemeinsam ins Bett fallen. Und ich glaube noch immer, dass ich deine Wärme wieder spüren kann. Neben mir. Um mich herum. Diese wohlige Wärme, die Zuhause heißt. Und ich glaube noch immer, jetzt wird alles gut. Und ich glaube noch immer, jetzt bist du wieder da.

Und ich glaube noch immer ...

© Annika Höller 08.03.2020