Ich seh nur dich

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Der Frost schleicht hämisch um die Häuser. Der Asphalt glitzert. Und mein Herz ist längst zu Eis erstarrt. Zaghaft setze ich einen Schritt vor den anderen auf der Straße dieses kleinen Dorfes, das mir im letzten Jahr so ans Herz gewachsen ist. Dumpfe Musik klingt von der nahen Bar hier nach draußen. Und irgendwo fährt ein Auto etwas zu schnell in eine Kurve. Das alles bekomme ich aber nur am Rande mit, es ist nicht mehr als ein subtiles Hintergrundgeräusch. So wie die Straßenbahn in Wien, die sich träge durch die Stadt schlängelt. Anfangs, wenn man in die Metropole zieht, nervt es einen und bringt einen um den Schlaf. Später nimmt man es gar nicht mehr wahr und vermisst es sogar dann in jenen Stunden, in denen man es nicht hört.

Mein Soundtrack ist hingegen längst ein anderer. Es ist die Melodie der Melancholie. Der Klang der Traurigkeit. In D-Moll und mit einem Himmel voller trister Geigen. Am liebsten würde ich mich darin einhüllen. In die Tonleiter hinein krabbeln. Mich verkriechen. Und davon aufsaugen lassen bis ich nichts mehr bin. Aber das sind schon wieder wirre Gedanken, die sich in meinem Kopf breit machen. Ich muss zurück ins Jetzt. Hey, hier geht's lang!

Geistesabwesend öffne ich die Tür des stickigen Lokals. Eigentlich will ich gar nicht. Aber ich muss. Das sagt mir zumindest irgendetwas in meinem Körper. Ein Gefühl. Ein Drang. Ein ausgestreckter Zeigefinger. Du musst da hin. Du musst raus. Du musst die eigenen vier Wände verlassen. Mach endlich was! Mach!

Und dann tauche ich ein. In ein Meer von lachenden Gesichtern, klimpernden Gläsern und einem Beat, den ich vielleicht an anderen Tagen als tanzbar bezeichnet hätte. Aber heute nicht. Nein. Keine Chance.

Mein Blick wandert wild umher. Aber es gibt nichts, das ihn anziehen würde. Nichts, das mein Interesse weckt. Alles ist schummrig, diffus, so als hätte man vergessen, den Fokusring der Kamera in die richtige Position zu bringen. Ich bin innerlich rastlos. Getrieben. Und gleichzeitig müde. So unendlich müde. Antriebslos. Ich suche nach irgendetwas. In dieser Menge. Wahrscheinlich nach dir. Aber ich will es mir nicht eingestehen. Ich darf es mir nicht eingestehen. Denn du bist gegangen. Bist weg. Fort. Und ich muss es akzeptieren, muss alleine wieder auf die Beine kommen. Muss weitermachen.

Und eigentlich sollte man plötzlich wieder Ausschau halten. Von einem Tag auf den anderen. Nach familientauglichem Material. Nach jemandem, der dem Begriff "zu Hause" einen Sinn geben könnte. Oder zumindest nach jemandem, der einem eine Nacht lang das riesengroße Bett kleiner erscheinen lässt. Man ist wieder da. Soll wieder da sein. Back in the game.

Aber ich bin dazu noch nicht bereit. Ich will gar niemanden suchen. Ich will gar niemanden finden. Ich seh nur dich. Und das, was wir hatten. Und die vielen Scherben. Und ich bin nicht fähig, darüber hinweg zu steigen, sie zusammen zu fegen und in die Mülltonne zu schmeißen. Ich will. Ich muss. Ich kann.

Ich kann nicht.

© Annika Höller