Leuchtende Begegnungen tief unten im Tal

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Leuchtende Begegnungen tief unten im Tal | story.one

Es gibt Szenen, Begegnungen, Momente, auf die wartet man ein ganzes Leben lang. Nein, ich meine nicht, den perfekten Partner zu finden, von solchen Vorstellungen bin ich meilenweit entfernt. Ich meine, eine Sternschnuppe zu sehen zum Beispiel. Oder sich mit jemandem zu versöhnen. In ein fernes Land zu reisen. Oder besondere Naturschauspiele zu erleben. Die Nordlichter. Ebbe und Flut. Vulkane. Regenbogenberge. Vieles davon kann man in Österreich nicht, dafür gibt es hier anderes. Anderes Einzigartiges. Nicht minder Bezauberndes.

Von meinem heutigen Glück weiß ich noch nichts, als ich ins Rannatal hinabsteige. Ich habe gerade erst mein Auto in dem kleinen Ort geparkt, der für sein Schloss bekannt ist. Unter meinen Füßen Waldboden, links und rechts große Felsformationen. Ich schlendere dahin, bin gespannt, wieviel Wasser unten im Tal zwischen den Steinen durchfließen wird.

Doch Halt! Was ist das? Um ein Haar wäre ich auf ein Tier getreten. Und auf was für eines erst! Ich traue meinen Augen kaum, bin wie versteinert, gehe dann in die Hocke, um das Tier besser betrachten zu können und bin fasziniert. Ein Feuersalamander! Tatsächlich! Gemächlich schiebt er sich durch die Blätter, die auf der Erde liegen in Richtung eines Felsens. Schnell zücke ich das Handy, mache ein Foto. Das glaubt mir sonst keiner. Nicht einmal ich mir selbst.

Fünf Wochen später. Meine Füße sind inzwischen eingegangen. Als wären sie neue Schuhe. In der Früh lechzen sie schon nach Bewegung, wollen hinaus, brauchen Auslauf. Ich bin irgendwo bei knapp unter 500 Kilometern, die ich in den letzten gut sechs Wochen zu Fuß zurückgelegt habe. Und schön langsam ist ein Ende in Sicht. Der neue Job naht.

Heute steige ich wieder in ein Tal hinab. Diesmal ins Mühltal. Riesige Bäume weisen mir den Weg. Unten ist die Erde feucht, der Wald dampft, das Wasser rinnt wie Tränen an den Felsen hinab. Die Natur freut sich über den Regen der letzten Tage. Über eine Holzbrücke geht es auf die andere Seite des Flusses. Ein Blick auf das steinige Flussbett. Und das satte Blau dazwischen. Es folgt der Anstieg, es geht wieder hinauf zum nächsten Dorf. Doch plötzlich erneut elektrisierende Wellen in meinem Körper. Halt! Gib Acht, sagt er mir. Siehst du nicht, was ich sehe? O ja, jetzt sehe ich es! Schwarz und Gelb. Leuchtend. Wieder so ein Prachtexemplar und ich darf ihn betrachten, den zweiten Feuersalamander in meinem Leben und das innerhalb von fünf Wochen. Er ist gerade dabei, sich unter einer Wurzel eine Höhle zu graben. Handy hervorgeholt. Foto geschossen. Und auch im Gehirn gespeichert.

Ist das so eine Art Belohnung für das, was ich gerade durchmache? Für diese Durststrecke? Oder will mir die Natur damit sagen, dass das doch nicht alles umsonst ist? Wäre ich nämlich nicht arbeitslos, wieder Single und am Warten auf eine Wohnung, hätte ich nicht zu gehen angefangen. Und hätte ich nicht wieder zu gehen angefangen, wäre ich nie auf diese beiden schwarz-gelben Kerle gestoßen. Das ist Fakt.

© Annika Höller