Maria, man sehnt sich nach dir!

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Maria, man sehnt sich nach dir! | story.one

Pause. Auf Standby. So könnte man das Gefühl beschreiben, das seit zwei Monaten jeden Tag in mir aufkommt. Draußen aus dem System. Draußen aus dem Hamsterrad. Aber auch: Am Abstellgleis. Kein Job. Keine Beziehung. Warten auf eine Wohnung. So gut es geht, habe ich stets versucht, diese Emotion wegzubekommen. Wegzugehen. Täglich. Und oft schon frühmorgens. Bleib in Bewegung. Bleib dran. Nur kein Stillstand. Nur kein Gedankenkarussell.

Meistens klappte das auch ganz gut. Etwas über 600 Kilometer sind es nun bereits, die meine Füße in dieser Zeit zurückgelegt haben. Fünf oder sechs Stunden durchgehen ist mittlerweile überhaupt kein Problem mehr. Und ich kenne nun fast jeden Winkel des Bezirkes. Aber dann am Wochenende plötzlich wieder Chaos im Kopf. So als hätte jemand das Fenster geöffnet und ein Windstoß hätte die sortierten Papierstapel vom Schreibtisch gefegt. Da war diese Begegnung. Da waren Worte. Und da waren vor allem wieder Erinnerungen. Und auf einmal war nicht nur draußen Aprilwetter, sondern auch in mir.

Ich habe eine Pause eingelegt. Vier ganze Tage hintereinander. Die längste Gehpause seit zwei Monaten. Ich kam nicht in die Gänge. Ich bin hocken geblieben. Neben der Spur. Dann endlich positive Nachrichten. Die Wohnung winkt. Der Jobbeginn steht. Kein Abstellgleis mehr. Es geht voran. Los, jetzt, Kräfte sammeln! Und dann schnüre ich endlich wieder die Wanderschuhe und mache den wichtigsten Schritt. Das ist immer der erste.

Es heißt, die besten Geschichten schreibt das Leben selbst. Dem kann ich nur zustimmen, denn die nächste Wanderepisode, die niedergeschrieben werden muss, fliegt mir zu. Noch mitten im Ort. Kurz nach dem ersten Schritt.

Vor einem Wohnhaus, nicht weit entfernt von meinem, steht ein Mann. Älteres Semester. Graue Haare. Hellgraue Jacke. Gepflegt und freundlich. Aber mit einem verzweifelten Blick. Er kommt auf mich zu. "Wohnen Sie hier in Haslach?", fragt er. "Ja. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?" – "Ich bin auf der Suche nach Maria H., eine ältere Dame, sie müsste hier irgendwo wohnen, in einem Wohnhaus. Kennen Sie sie?" – "Nein, leider, das sagt mir gar nichts." – "Okay." Er senkt den Kopf. "Ich war auch schon bei den neuen Häusern dort drüben bei der Straße, aber nichts", ergänzt er. "Dort unten gibt es auch noch welche. Haben Sie es dort schon versucht?" – "Dort unten sagen Sie? Danke, dort werde ich noch hingehen."

Ich will mich schon wieder verabschieden und weiterziehen, als er plötzlich sagt: "Wissen Sie, wir kennen uns von den Tanznachmittagen. Aber die gibt es schon seit zwei Monaten nicht mehr. Und daher habe ich sie jetzt auch nie gesehen. Ich würde sie so gern wieder sehen." Mein Herz! Wie schön! "Wenn Sie sie nicht finden, gibt es noch die Möglichkeit, sich an eine Lokalzeitung zu wenden. Die schreiben sicher gerne etwas und helfen bei der Suche." – "Ja, stimmt, danke, das ist eine gute Idee." – "Gerne. Ich hoffe, Sie finden sie schnell."

Dann gehe ich weiter. Mit einem Lächeln im Gesicht.

© Annika Höller 28.05.2020