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Hach, Wien

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Hach, Wien | story.one

Der November rast dahin. Gestern hat es erste Eiskristalle am Balkon meiner Wohnung in diesem Mühlviertler Dorf gegeben. Kalt ist es geworden. Mich zieht es heute überhaupt nicht nach draußen. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den vergangenen Tagen einige Termine gehabt habe. Termine, die mich vom allzu vielen denken abhalten. Ich war also einmal hier, einmal dort. Und jetzt bin ich womöglich einfach einmal zu Hause.

Ich mache mir eine Tasse Tee. Und schaue mir eine Folge einer Serie an. Ich bin kein großer Serien-Schauer, aber hin und wieder tut es gut, in andere Welten abzutauchen, wenn die eigene trostlos ist. Die Serie spielt in Paris. Und scheint jetzt bereits wie aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der man noch reisen konnte. In der man noch einfach so nach Paris fliegen konnte. Vielleicht übers Wochenende. Vielleicht auch länger. Die Bilder sind wunderschön. Abendliche Lichter vor dem Eiffelturm. Rosarote Rosen einer Straßenhändlerin. Kleine Cafés mit Croissants. Sehr klischeehaft, ich weiß. Aber trotzdem wunderbar zum Träumen. Paris, das wäre heuer eins meiner Reiseziele gewesen. Für eines der verlängerten Herbstwochenenden. Geworden ist daraus natürlich nichts. Und wird es wahrscheinlich auch länger noch nicht. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich es heuer nur einmal über die österreichische Grenze geschafft habe, nämlich Ende Februar nach Prag, kurz vor Corona, dann schmerzt es in meinem Herzen. So viele vergeudete Möglichkeiten. So viele Städte, die da auch mich gewartet hätten. Aber es hat nicht sollen sein.

Die prachtvollen Bauten in der Serie erinnern mich an die Wiener Ringstraße. Wien. Auch so ein Reiseziel, das warten muss. Wobei, Reiseziel ist hierfür gar nicht das richtige Wort. Wien ist eher ein Zufluchtsort für mich. Ein vertrautes Pflaster, das doch immer wieder überrascht. Einstige Heimat. Und Wundertüte zugleich. Immer wieder Ort der Träume. Mal mehr, mal weniger. Auf jeden Fall ein Platz, den ich normalerweise regelmäßig aufsuche. Mindestens drei- oder viermal im Jahr. Einfach übers Wochenende. Ich logiere dann in einem der zahlreichen Hotels. Wenn möglich immer woanders. Wenn möglich immer in einem anderen Grätzl. Um wieder eine andere Seite Wiens kennenzulernen. Dann packe ich nur das Nötigste ein und fülle meinen Koffer vor Ort stattdessen mit Momenten. Ich streune durch die Straßen. Alleine. Oft von frühmorgens bis spätabends. Sauge alles auf. Straßenmusiker. Die weiten Plätze. Touristen. Sprachengewirr. Im Advent die vielen Lichter. Die großen Luster am Graben. Die roten Kugeln in der Rotenturmstraße. Und dann dieses Heute-könnte-alles-passieren-Gefühl. Heute könnte ich irgendjemanden kennenlernen. Ganz zufällig. Jemanden, der mein Leben völlig verändert. Der eine Freundin wird. Der Teil einer Geschichte wird. Oder ich könnte einen neuen Lieblingsplatz entdecken. Ganz versteckt. In einem Hinterhof. Hier ist alles möglich.

Hach, Wien. Du fehlst mir.

© Annika Höller 2020-11-22

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