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Das Mädchen mit dem Killerblick

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Das Mädchen mit dem Killerblick | story.one

“So, jetzt alle lächeln, Tschiiisipiiisi!”, flötete der langhaarige Fotograf in seiner schmuddeligen Jean mit dem grotesken Pornohemd, das er wohl von seinem letzten Thailandurlaub mitgenommen haben musste. Das Foto, das dabei entstand, sollte mich bald darauf beschäftigen.

Als ich nämlich zwei Wochen später die Bilder in der Klasse austeilte, fiel mir etwas auf. Alle lächelten tschiiisipiiisiartig, nur eine Person nicht. Finster blickte sie der Kamera entgegen, als ob sie ihren größten Feind mit tödlichen Blicken ermorden wollte. Emine!

“Emine”, sprach ich, das Foto in der Hand, “in der achten Schulstufe wirst du sicher freundlicher dreinschauen und lächeln, oder?” Sie fasste mich mit ihren dunklen Augen ins Abschuss-Radar. Ohne eine Miene zu verziehen antwortete sie mit bedachter, ruhiger Stimme: “Das glaub ich nicht.” Eine derart trockenernste Antwort hatte ich nicht erwartet. Ich kannte das Mädchen ja noch nicht lange und gedachte, die Situation etwas heiter enden lassen zu wollen. Ich lächelte ihrem Jack-the-Ripper-Blick entgegen und fragte höflich: “Emine, möchtest du gerne einen Lachgummi?” Funkelnde Augen, geschlossene Lippen, schmal wie ein Strich. “Nein, danke!”

Emine war zwar der Ernst in Person, sie war jedoch überaus höflich, bescheiden und hatte immer ein Auge auf eine gute Klassengemeinschaft. Sie sprach in ihrer langsamen, spaßbefreiten Art Dinge an, die kein anderer so auf den Punkt bringen konnte. Dadurch wurde sie zu einer gewissen Autorität in der Klasse.

Wenn sich vor dem Pult eine Schlange bildete, ließ Emine immer die anderen vor, bis sie dann am Ende höflich aber todernst ihr Anliegen vorbrachte: “Herr Lehrer, wenn sie einmal ganz leicht Zeit haben, kommen Sie bitte zu mir, danke!” Dann drehte sie sich um und kehrte zu ihrem Platz zurück. Sie bedankte sich für alles, nichts schien ihr selbstverständlich zu sein.

In der Adventszeit war ich der Einzige der Klasse, der nicht beim Wichtelspiel mitmachte, weil es immer Probleme damit gab. Als die Geschenke schließlich ausgetauscht wurden, stand plötzlich Emine vor mir und sah mich ernst von unten an. “Herr Campana, Sie haben beim Wichteln nicht mitgemacht. Ich möchte Ihnen ein Geschenk geben!” Sie reichte mir ein Kuvert. Als ich es öffnete, fand ich ein Sprücheheftchen. “Die besten Glückwünsche zur Erstkommunion!”, stand darauf. Dieses Heftchen hatte sie mit netten Zeichnungen versehen und kleine Origami Kunstwerke darauf und darin angebracht. Ich besitze es heute noch, dieses Geschenk eines islamischen Mädchens.

Im Abschlussjahr bat sie zu ihrem vierzehnten Geburtstag um Geldgeschenke. Auf diesem Wege brachte sie 170 Euro zusammen. “Ich habe ein gutes Leben”, erklärte sie, “und bin zufrieden, ich möchte das Geld jenen geben, die es dringender als ich brauchen.” Sie suchte mehrere Hilfsorganisationen aus und spendete tatsächlich die gesamte Summe! Was für ein Mensch! Emine, das großherzige Mädchen mit dem Killerblick ...

© Araldo Campana 11.07.2020

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