Special-Effects

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Special-Effects | story.one

Viele hatten Zweifel. “Wollen die wirklich die Irren bei uns ansiedeln?”, hörte man Stimmen im Ort munkeln. Wir erfuhren, dass das Psychiatrische Krankenhaus der nächstgelegenen Stadt beabsichtigte, einige ihrer Patienten - damals sprach man noch nicht von Klienten - bei uns im Ort anzusiedeln, weil es dazu eine diesbezügliche Order der Landesregierung gebe. Dann kamen sie.

Gregor fiel dadurch auf, dass er immer in Arbeitsmontur mit blauem Helm durch den Ort ging. Aus einer Seitentasche ragte ein Meterstab, an den Füßen trug er schwere Arbeitsschuhe, sein Gang war schief und ungelenk. Oft sprach er mit sich selber.

Elfriede führte ebenfalls Unterhaltungen mit sich selber, wenn sie wippenden Ganges durch den Ort spazierte. Noch lieber sprach sie aber mit Menschen, die sich Zeit für sie nahmen. Hier konnte sie stundenlang reden, bei der Kassa des örtlichen Supermarktes kam das in der Warteschlange nicht gut an, doch jeder kannte und mochte Elfriede.

Ein begnadeter Tänzer war der Hermann. Bei allen Tanzveranstaltungen des Ortes war er dabei. Keine Frau war vor ihm sicher. Alle entführte er sie auf die Tanzfläche und den Männern war es recht, weil die lieber bei ihrer kühlen, blonden Freundin sitzen blieben. Hermann tanzte, bis er vor Schweiß troff, dann war es für ihn nicht mehr so leicht, Tanzpartnerinnen zu finden. Auch bei Wanderveranstaltungen nahm Hermann gerne teil, hier wartete er schon als Erster darauf, bis alle anderen eintrafen. Einmal schien ihn etwas beim Warten am Gesäß zu jucken. Freimütig knöpfte er die Hose auf und er kratzte sich dort, wo es ihn eben juckte. Als dann die nächsten zur Wandergruppe stießen, reichte er ihnen freundlich die Hand, mit der er sich gerade eben gekratzt hatte.

Gebhard, den alle Gebi nannten, war ein schmales, hageres Männlein, das durch sein Zittern auffiel. Wie Hermann gab auch er gerne anderen Menschen die Hand. In der Vorweihnachtszeit wurde die integrative Einrichtung, in der Gebi wohnte, vom Nikolaus besucht. Freundlich ging er zitternd auf den Nikolaus zu und schüttelte ihm die Hand:

“Grüß Gott, heiliger Nikolaus!”, begrüßte er den Gabenbringer und schüttelte ihm dabei die Hand, dass die Mitra auf dessen Kopf wackelte.

“Grüß Gott, heilige Engel!”, sprach er zu den Himmelsboten und schüttelte ihre Hände ebenfalls, dass die Flügel wackelten.

“Grüß Gott, heiliger Krampus!”, sagte er schließlich zum Teufel, der sich vor Lachen kaum noch halten konnte.

All diese liebenswürdigen Menschen haben sehr bald ihren Platz im Ort gefunden und sind gern gesehen. Die anfänglichen Kritiker sind verstummt. Wenn man die Menschen erst einmal kennen lernt und sie Namen und Geschichten haben, dann ändern sich auch Bilder in unseren Köpfen, dann werden - wie hier in dieser Geschichte - aus “Irren” Menschen, Menschen die vielleicht den ein oder anderen Special-Effect mehr auf Lager haben als andere, und genau das macht sie zu ganz besonderen Originalen.

© Araldo Campana 29.06.2020