Dieses Leben

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Dieses Leben | story.one

In einer anderen Zeit, nenne ich "vorher", hörte ich gerne Musik. Fasziniert hörte ich die Nuancen und Unterscheidungen heraus, die sich in mehreren Tönen harmonisierten und spielte nach, was mir mein Vater mit der Gitarre beibrachte. Ließ die Musik in meine Adern fließen und tanzte nach dem Rhythmus der Tänze, die meine Mutter mir beibrachte. Spielte mit meinen Freunden und sang Kinderlieder und hörte gern zu, wenn meine Familie untereinander redeten. Genauso einfach hörte ich in der Schule zu, wenn die Lehrerin sprach und lernte schnell. Zu hause wo häufig diskutiert und analysiert wurde, bekam ich als Kind vieles mit. Mit 10 Jahren, war ich nur ein neugieriges Mädchen, das gerne lebte.

Es war Winter und ziemlich Kalt, eine Kälte die ich nicht aus meiner Heimat kannte. Österreich war in vielem anders. Ich wurde sehr krank. Fieberte Tag und Nacht. Mutter weinte, mein Vater verzweifelte. Die Ärzte sahen bekümmert zu. Ich bekam Antibiotikum und Fieberhemmende Zäpfchen, aber nichts half. Mein Körper schmerzte und hatte kaum Appetit. Als ich Kopfschmerzen bekam, war plötzlich das Wort Meningitis im Raum. Eile war geboten, doch bevor ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sank das Fieber. Endlich atmeten Alle erleichtert auf.

Das Leben lachte mich wieder an. Ich hatte Appetit und obwohl ich noch schwach war, fühlte ich mich sehr wohl, deshalb verstand ich das sorgenvolle Gesicht meiner Mutter nicht.

Sie brachten mich zum HNO Arzt, der mich gründlich untersuchte. Seine Diagnose markierte mein Leben in ein "Danach". Wieder weinte meine Mutter und mein Vater brachte aus Schock kein Wort heraus.

Das ist also die ewige Stille dachte ich, dieses Gefühl Watte in den Ohren zu haben, die schönen Töne so weit weg. So ist es also nichts zu hören oder besser gesagt, nicht mehr genau zu verstehen, so anders als ich dachte.

Mutter, ich bin immer noch Ich, sagte ich zu ihr.

Plötzlich kam Leben in meinen Eltern. Ihre Stärke übertrug sich auf mich und ich hörte auch auf zu weinen. Ja! sagte meine Mutter, du bist immer noch du. Du hattest etwas so ähnlich wie ein Unfall, das passiert manchmal im Leben. Es liegt an dir, was du daraus machst. So schau immer nach vorne.

Das tat ich.

Das Leben danach begann mit Hörgeräten in beiden Ohren, Umschulung in einer Gehörlosenschule, neue Freunde, die das Leben über das nicht vorhandene Gehör anders wahrnahmen als ich und das Lippenlesen üben, so lange bis ich wieder unabhängig war. Die Gebärdensprache wurde ein Teil meines Lebens. Zu hause tanzte ich, denn ich lernte die Musik zu fühlen. Gitarre spielte ich weiter, weil mein Vater mir beibrachte auf die Resonanz zu achten. Kleinigkeiten die so selbstverständlich sind beim Hören, lernte ich anders wahrzunehmen und trotzdem als ein Teil meiner Selbst zu betrachten und so kam ich weiter.

Geduld und Stärke, wurden von mir verlangt. Dennoch bin ich noch am Leben. Ein Geschenk Gottes und dafür bin ich für dieses Leben Dankbar.

© Ari