Zwei Arten des Schmerzes - Vorspiel

Es ist Dienstag Mittag, zwölf Uhr und sieben Minuten. Wie jede Woche steige ich die Steintreppen des Jugendstilhauses hoch in die vierte Etage. Wie jede Woche rast mein Herz mit jeder Stufe mehr, wird mir immer schlechter. Wie jede Woche habe ich schon zu Hause überlegt, per E-Mail krankheitsbedingt abzusagen, stand ich zwei Minuten vor der Haustür ohne zu klingeln, hoffte, dass sie nicht an die Gegensprechanlage geht, überlegte ich mir auf der Treppe, einfach umzukehren. Und wie jede Woche, eigentlich wie immer, bin ich zu spät dran. Das hat auch seinen Vorteil, umso kürzer werden die 50 Minuten. Das scheint sie sich genauso zu denken und sagt auch nie etwas zu meiner Verspätung. Wie gewohnt nimmt sie ihr Klemmbrett, macht sich erste Notizen, meinen Namen und das Datum nehme ich an. Zeit um kurz durchzuatmen, wegen der Treppenstufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gar nicht mehr richtig weiß, worüber wir letzte Woche gesprochen haben und ich bezweifle, dass sie sich ordentlich auf jeden Patienten vorbereitet. Sie legt das Klemmbrett auf den Schoß, schaut mich an und ich weiß, dass jetzt wieder die gleiche Scheiß Frage kommt, wie jede Woche. „Wie geht es Ihnen Frau M.?“ Ich weiß genau, dass diese Frage immer kommt und lege mir die Antwort darauf schon brav im Vorfeld zurecht. Doch irgendwie schaffe ich es nie, das zu sagen, was ich mir in Gedanken schon so perfekt ausformuliert habe. Stattdessen schnürt es mir wieder die Kehle zu und ich kämpfe mit den Tränen. Ich kann doch nicht schon wieder losheulen, wir haben doch gerade erst angefangen. Ich antworte irgendetwas Belangloses. „Ganz gut“ oder dergleichen. Wenn sie endlich mal ordentliche Fragen stellen würde, könnte ich ihr vielleicht auch bessere Antworten geben. Stattdessen merke ich schon wieder, wie unzufrieden sie mit mir ist, was die ganze Situation nicht einfacher macht. Sie versucht irgendetwas aus mir herauszuholen, immer das Gleiche. „Was haben Sie in letzter Zeit geträumt? Was glauben Sie, was das bedeuten könnte?“ Bin ich Traumdeuter oder was? „Wie ging es Ihnen nach unserem letzten Gespräch?“ Genauso beschissen, wie jedes Mal und eigentlich noch schlechter als vorher. „Haben Sie über unser letztes Gespräch nachgedacht?“ Ja verdammt. Ich sitze da, wie ein Häufchen Elend, antworte meistens mit „Ich weiß es nicht." Wir drehen uns im Kreis, seit Wochen, seit Monaten. Immer wieder die gleichen Themen und Fragen, mit denen Freud vermutlich schon seine Patienten quälte. Was will ich eigentlich hier? Ich versuche mir, Hilfe von einer Frau zu holen, die meiner Meinung nach mindestens genauso verkappt ist, wie ich selbst und trotz alledem - ich bin schließlich freiwillig hier. Niemand zwingt mich, es war meine Entscheidung eine Psychotherapie anzufangen. Während sie mir wieder einreden will, was meine Eltern alles falsch gemacht haben, denke ich darüber nach, was ich heute eigentlich mit ihr besprechen wollte, was ich aber wie so oft nicht auf die Reihe bekomme.

© Artemis