über Wien mit Campari Orange

Ich hatte das Glück, während meiner Studienzeit in einer kleinen, feinen Wohnung im 6. Stock unter dem Dach zu wohnen - mit Blick vom Riesenrad bis zum Kahlenberg. Das Beste an der Wohnung war der knapp 4 m² große Balkon, südwestseitig, Sonnenuntergänge inklusive!

Auch meine Freunde erkannten den Wert dieses Winzortes bald, kamen oft, blieben lang. Viele wunderbare Gespräche haben wir dort geführt, Träume gesponnen oder einfach Sonne und Frischluft getankt.

Einer von ihnen war ein Salzburger, den ich gleich im ersten Semester kennengelernt hatte; er war von Anfang an von der Idee des Medizinstudiums nicht überzeugt, wollte malen, schreiben, singen, einfach Künstler sein.

Er hatte die wundersame Fähigkeit, immer dann aufzutauchen, wenn gerade frischer Kaffee gekocht wurde, die Arbeit erledigt war oder die Nudeln grad aus dem Topf gehoben wurden. Meist brachte er gleich seine Schmutzwäsche mit, in der Hoffnung, eine funktionsfähige Waschmaschine anzutreffen.

Er war so, und wir alle mochten ihn genau so.

An jenem sonnig-heißen Nachmittag läutete er bei mir - ich saß am Balkon, musste lernen, hatte mehr Stress als Redebedürfnis. Das konnte ich ihm auch sagen, was dazu führte, dass er sich zu mir setzte und versprach, nicht zu stören, er hatte immer etwas zu lesen, wusste immer etwas zu schreiben oder einfach in sich gekehrt nachzudenken.

Nach einiger Zeit hatte ich genug vom Lernen und wir plünderten meinen Kühlschrank, fanden dort überraschenderweise auch eine Flasche Campari, die ich mir damals nicht hätte leisten können sondern geschenkt bekommen hatte.

Bei einem Glas Campari-Orange ließen wir diesen heißen Frühsommernachmittag mit Blick auf den Wienerwald ausklingen.

Meine Meldung, dass ich jetzt gehen müsse, schon verabredet sei, beeinträchtigte sein gemütliches Dasein in keinster Weise, er wünschte mir einen schönen Abend, könne ja dann die Tür einfach hinter sich zuziehen.

Als ich spät in der Nacht zurückkam, war die Balkontüre offen, die Campariflasche halb leer, unter ihr ein herausgerissener Zettel aus einem Notizbuch, auf dem stand:

"Für Dich!" mit einem wunderbaren Gedicht über den Duft vom Süden, über den Traum vom Ozean, von Meeresvögeln, die hier und heute Schwalben sind, von der Musik, die vom Hafen herüberklingt -schreibend auf dem Balkon im sechsten Stock, wo das Dächermeer den Horizont zeichnet..."und keiner weiß fast, wo ich bin, und die es weiß, hat mich gelassen, ein kleines, reines Glück...danke dir! W. "

© AugustaWitzany