Gut für‘s Karma?

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Gut für‘s Karma? | story.one

Unsere Ladakh-Reise neigte sich ihrem Ende zu- wir hatten uns an die Höhe gewöhnt, mehrtägige Wanderungen unternommen, viele Klöster besucht; eine fremde Kultur hat sich uns durch wunderbare Begegnungen erschlossen und wir trugen den buddhistischen Frieden in unseren Herzen, als wir nach Leh zurückkehrten, von wo wir zwei Tage später unsere Heimreise antreten wollten.

An einer belebten Straßenkreuzung saßen zwei Jungs, die Reparaturen aller Art anboten, hatten sich aber offensichtlich auf kaputte Schuhe spezialisiert. Nachdem sich eine meiner Sandalen nach tagelanger Überstrapazierung in Auflösung befand, hielten wir es für eine gute Idee, die Sandale von den beiden richten zu lassen- nachhaltig, sozial und überhaupt! Die zwei jungen Männer begutachteten das gute Stück, sahen in der Reparatur kein Problem. Wir könnten die Sandale morgen wieder abholen.

Tatsächlich trafen wir die zwei einen Tag später am gleichen Platz. Stolz zeigten sie uns das handgeflickte Schuhwerk - ich war begeistert! Auf die Frage nach der Bezahlung erklärten sie uns, dass ihnen Naturalien statt Geld ( das ihnen ihr "Chef" ohnehin abnehmen würde ) lieber wären. Etwas ratlos sahen wir uns um, wussten mit diesem Vorschlag nicht so recht etwas anzufangen.

Wir könnten gemeinsam in den nächsten Laden gehen und mit ihnen einige Kleinigkeiten einkaufen, schlugen sie vor. Ich war dieser Idee gar nicht so abgeneigt, fand sie ja eigentlich recht sinnvoll, käme doch so unser Geld an den richtigen Bestimmungsort.

Also folgten wir den beiden Jungs in einen typischen ladakhischen Kramerladen, wo es von Grundnahrungsmitteln über Gebetsfahnen bis hin zur Unterwäsche alles gab. Uns charmant zulächelnd begannen sie mit ihrem Einkaufsbummel - anfänglich noch etwas zurückhaltend: 5kg Reis, 3 Großpackungen Tee, ein 10kg Sack Mehl; in gutem Englisch erklärten sie uns, dass die Schwester für ihr Baby Windeln und der Großvater warme Socken, der kleine Bruder ihrer Tante Stifte für die Schule und die Nachbarin Kaffee bräuchte...

Wir waren mit der Situation überfordert, sahen zu, wie der Warenberg wuchs und unsere Freunde zunehmend vom Kaufrausch erfasst wurden! Halt! Stopp! Aus! Der Verkäufer des Ladens sah uns freundlich an, nannte uns einen - nicht nur für ladakhische Verhältnisse - beachtlichen Preis; in der zunehmend skurril werdenden Situation machten wir aber gute Miene zu dem wahrscheinlich abgekarteten Spiel und zahlten mit den letzten Rupien, die wir für Essen und Souvenireinkäufe vorgesehen hatten, waren danach unser ganzes Bargeld los.

Aber irgendwie konnten wir den beiden Burschen, die uns mit viel Charme und List so um den Finger gewickelt hatten, nicht böse sein - wo auch immer der Einkauf gelandet ist, es wäre schön, wenn ich mit meiner nun so wertvollen Sandale einer ganzen Großfamilie ein fröhliches Fest oder zumindest viele glückliche Überraschungen beschert habe!

Die Sandale ist super, ich trage sie immer noch.

© AugustaWitzany 21.09.2019