Mathematikdrama / - trauma

Mein Mathelehrer war der Inbegriff des verwirrten Professors - graue, ungezähmte Mähne, Flecken auf dem Hemd,Putzereizettel an der Hose, Rasierschaumreste hinter den Ohren - weltfremd, in Sphären zwischen Ellipsen, Parabeln und Geraden unterwegs, merkte er oft gar nicht, dass er den Kontakt zu uns Schülern schon lange verloren hatte.

Als Schach- und Go-Meister, studierter Physiker und Mathematiker verdiente er wahrlich ein anderes Publikum als uns..

Und trotzdem versuchte er verzweifelt, uns die Nützlichkeit komplexer Zahlen oder das eigenwillige Krümmungsverhalten von Funktionskurven nahe zu bringen - stieß hierbei allerdings auf breites Unverständnis.

Aber Reibung verursacht ja bekanntlich Wärme - und so erkannten auch wir nach Jahren etwas von der Liebenswürdigkeit dieses Lehrmeisters, die hinter Tollpatschigkeit und Ratlosigkeit gegenüber Alltagssorgen von Pubertierenden lange verborgen blieb.

Bei der schriftlichen Matura holte mich schließlich der Worst-Case meiner Schullaufbahn ein - ich verfehlte um einen halben Punkt das Genügend und musste somit in Mathematik auch mündlich antreten!

Die Wochen zwischen schriftlicher und mündlicher Matura verbrachte ich fast ausschließlich mit Mathelernen, Nachhilfestunden, Panikattacken,Schokolade, Schlaflosigkeit und Albträumen..

Und da saß ich nun, sollte mich vorbereiten, um an der Tafel über etwas zu sprechen, was ich bis heute nicht verstanden habe, sollte Beweise führen über Erkenntnisse, die sich mir nie erschlossen haben!

Schwitzend, mit hochrotem Gesicht versuchte ich mich zu konzentrieren, spürte plötzlich die Hand meines Matheprofessors auf meiner Schulter: Nimm die 2. und 3. Frage, lass die 1. Frage aus, deutete er mir - und ich erkannte:

Er wollte mit mir durch diese Hölle gehen, als Verbündeter und nicht als Gegner!

Das machte mich ruhiger, ließ mich strukturierter denken - trotzdem fehlte mir in der Beweisführung eines nicht mehr erinnerlichen mathematischen Problems ein einziger wichtiger Schritt, weshalb ich schließlich ziemlich verzweifelt an die Tafel trat und vor versammelter Kommission meine "Erkenntnisse"darlegte - bis zu dem Punkt, wo ich nicht mehr weiter wusste.

Da trat mein Matheprofessor zu mir, schrieb die mir fehlende Zeile auf die Tafel mit den Worten: "Diesen Schritt sollten wir überspringen, der würde uns zu sehr aufhalten", zwinkerte mir zu, setzte sich wieder;

er hatte mein Problem erkannt! Und mit einem Gefühl des Vertrauens konnte ich die Aufgabe danach ohne Probleme zu Ende bringen.

Beim Verlassen des Saales begleitete mich mein Lehrmeister hinaus, sah mich an: Versprich mir, nicht Mathematik zu studieren - alles andere machst du großartig!

Ich habe dieses Versprechen gehalten.

© AugustaWitzany