Shelter 1

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Shelter 1 | story.one

Zusammengekauert hocken wir auf einer schmalen Holzpritsche, erschöpft, entmutigt, ratlos. Langsam schleicht die Kälte aus den Knochen, lässt die Muskeln zittern, die Finger taub werden.

Draußen trommeln Wassermassen auf das Dach unseres Shelters - eine Nothütte, wie sie in Island in wenig begangenen Regionen vor vielen Jahren für Schutzsuchende zwar errichtet, in den letzten Jahren jedoch offensichtlich kaum gewartet wurden: Eine Bruchbude, verwittert, morsch, windschief. Wenn man sich an die Hüttenwand lehnt, splittern die Holzplanken unter dem Druck und geben tiefe Einblicke in längst überholte Bauweisen und verlassene Mäusequartiere. Durch die Schieflage läuft das Regenwasser unter der Türe ins Hütteninnere, setzt fast den ganzen Boden unter Wasser, bis es auf der anderen Seite wieder hinausrinnt. Mit einem Wort: Der Ort meiner Urlaubsträume!

Und doch waren wir so dankbar für diese Notunterkunft.

Ursprünglich waren wir aufgebrochen mit der Absicht, den äußersten Zipfel der Westfjorde ( Hornstrandir ) zu Fuß zu umrunden, beginnend an der Ostküste, wo die Straße endet. Von dort gibt es im besten Fall vereinzelt Trampelpfade, oft nicht einmal diese. Dafür aber unendliche Küstenstreifen, silbrig glänzendes Schwemmholz, kaputte Fischernetzreste und bunte Bojen, wildes Dickicht von riesigen Engelwurzen, die eine oder andere Ruine eines Hauses und wunderschöne Plätze zum Zelten. Wir trugen Proviant für vierzehn Tage mit uns, wissend, dass wir auf unserer Wanderung nicht mit menschlichen Begegnungen rechnen konnten und es auf dem ganzen Weg keinen Handyempfang geben werde. Ja, ja, where the road ends, unique begins..

Doch unsere Träume von Freiheit und Weite beinhalteten keine Vorstellung von den Regenmengen, die nun schon seit Tagen auf uns niedergingen! Wir hatten den Eindruck, dass die ganze Insel mit Wasser vollgesogen war, jeder Schritt fühlte sich an, wie das Auswinden eines Schwammes. Von Bergen und Hügeln schossen Wasserfälle, die im Tal die Bäche und Gletscherflüsse anschwellen ließen und das Furten gefährlich bis unmöglich machten.

Nachdem das Zelten im Sumpf keine attraktive Alternative war, freuten wir uns, als wir völlig durchnässt, mit quatschenden Schuhen, die wenig heimelige, modrig riechende Biwakschachtel betraten. Wenn alles klappte, sollte am nächsten Tag ein Boot kommen und uns in einer, ca 1 Stunde entfernten Bucht abholen! Also absehbar, das Leben im Shelter..

So versuchten wir, das Beste aus der Situation zu machen: Wir schälten uns aus den nassen Hüllen, leerten Schuhe und Rucksäcke aus, zogen die wasserfest vepackten, und dadurch noch trockene Wollunterwäsche und Daunenanoraks an, kochten Tee, versuchten, Matten und Schlafsäcke auf die noch nicht gefluteten Stellen des abschüssigen Bretterbodens zu platzieren.

Um die Stimmung etwas zu heben, ließen wir ABBA aus dem Handy dröhnen... Alles wird gut, sagte eine leise, innere Stimme.

© AugustaWitzany 26.01.2020