Shelter 2

  • 46
Shelter 2 | story.one

Nach einer schlechten Nacht - im Kampf gegen die schiefe Ebene - quälten wir uns wieder in unsere klamm-nassen Kleider, kochten Nescafe, versuchten Ordnung in die Hütte zu bringen.

Und dann brachen wir auf in der Hoffnung, bald von einem Boot am vereinbarten Treffpunkt "gerettet" zu werden.

Nach einer Stunde durch Regen und Kälte erreichten wir die Anlegebucht, rechtzeitig, voller Vorfreude auf Trockenheit und Wärme. Wir versuchten, uns mit Auf-und Abgehen warm zu halten, die Wartezeit zu verkürzen - immer den Blick am Horizont.

So vergingen 1, 2, 3 Stunden, wir sprachen kaum noch miteinander, die Hoffnung auf das Eintreffen des Schiffs sank gegen Null.

Nach 4 Stunden, im regnerischen Sturm, gewann die Resignation gegen alle bis zu diesem Zeitpunkt noch vorhandenen Hoffnungsschimmer! Als wir beschlossen umzukehren und vorerst weiter in der Biwakschachtel auszuharren, brach unsere - bis dahin so tapfere Tochter - in Tränen aus. Ich hätte so gerne mitgeweint!

Die Nothütte war mittlerweile geflutet, unbewohnbar. Und doch die einzig mögliche Bleibe bis auf weiteres. Wir blieben noch 2 Tage - Teekochen, vor-lesen,schlafen,gegenseitig trösten,Halt geben.

Plötzlich riss am Abend des 2.Tages die Wolkendecke auf, gab blauen Himmel frei, zum ersten Mal hörte es auf zu regnen! Glücklich verließen wir den Shelter,schöpften Hoffnung im Licht einer warmen Abendsonne.

Wir beschlossen, am nächsten Tag aufzubrechen; mit einmaliger Zeltübernachtung sollte es uns möglich sein, einen Fjord gegenüber von Isafjördur ( Hauptstadt der Westfjorde ) zu erreichen, wo wir auf Menschen und Handyempfang hofften.

Das Gehen gestaltete sich schwierig, die Pfade standen unter Wasser, die Flussfurtungen waren eine echte Herausforderung. Trotzdem machte sich Hochstimmung breit, froh, endlich wieder unterwegs zu sein, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!

Und tatsächlich erreichten wir wie geplant die traumhafte Bucht mit einer kleinen Ansiedlung aus Ruinen und einigen Ferienhäuschen, Kapelle, Friedhof. Sehr schön, sehr friedlich - aber leider menschenleer!

Neuerlich zutiefst enttäuscht gingen wir bis zum äßersten Felsvorsprung - wo wir tatsächlich endlich Handyempfang hatten! Überglücklich umarmten wir einander, noch nie hatte ich - die sonst so froh war, das Telefon ausschalten zu können - mich so über Funkkontakt gefreut!

Das Fährunternehmen erklärte, dass sie uns erst in 3 Tagen abholen könnten! Also schlugen wir unser Zelt auf und schliefen uns erstmal so richtig aus. Die nächsten Tage hatten wir Prachtwetter, wir ließen unsere Wäsche und Schuhe trocknen, gingen auf Erkundungstouren, sahen den Polarfüchsen zu, pflückten Schwarzbeeren.

Ich glaube, Island wollte uns mit diesen geschenkten Tagen für alles entschädigen und für immer in seinen Bann ziehen!

Als wir schließlich an Bord des Schiffes gingen, gab uns der Kapitän die Hand und fragte uns grinsend: Did you have an adventure?

Ja danke, mehr als genug!

© AugustaWitzany 26.01.2020