Das kranke Kind

Das Mädchen war noch ganz klein, gerade ein paar Monate alt. Es wurde krank. Keuchhusten. Ihre Mutter wusste damals schon alles besser. Sie wusste was zu tun war, sie wollte das kleine Mädchen, sterben lassen.

Die Mutter holte keine Hilfe, sie versuchte das Kind auf ihre Art zu heilen. Wenn das Kind hustete und röchelte, dann schob sie ihre, von der Arbeit am Hof schmutzigen Finger, in den kleinen nach Luft ringenden Mund und versuchte den Schleim zu lösen. Sie schüttelte das Kind, nahm es an den Beinen und stellte es auf den Kopf. Klopfte mit festen Schlägen auf den Rücken. Malträtierte diesen noch winzigen Körper.

Das kleine Mädchen wurde rot im Gesicht, die Lippen färbten sich bedrohlich blau, die Augen quollen von der Anstrengung des Hustens hervor. Die Ansammlung des Schleims im Hals ließ ein beinahe metallisches Rasseln aus dem Körper ertönen.

Die Mutter ließ niemanden ins Zimmer, ließ keine Hilfe zu. Sie war hysterisch, schrie und gab durch die Tür zu verstehen, dass sie schon wisse was zu tun ist. Sie wollte dem Leiden, ihrem Leiden ein Ende setzen. Dieses Kind musste weg, dann wird alles wieder gut. Sie hat das Kind nicht gewollt und dieses Leben auch nicht. Sie wusste als kaum 20jährige nicht, auf was sie sich da eingelassen hatte. Was das Leben auf diesem ärmlichen Bauernhof mit sich brachte.

Es war nur ein Geplänkel, ein Versuch, den Lässigsten aus dem Dorf für sich zu gewinnen. Diesen unnahbaren jungen Mann. Es war von ihr aus gesehen nur ein Spiel. Sie wollte seine Aufmerksamkeit. Mehr war da nicht dahinter, in ihrer naiven Mädchenwelt. Es war an der Zeit, sich aus der behüteten Welt des Einzelkindes zu befreien. Sie war verwöhnt von ihrer Mutter und der Mittelpunkt dieser Welt. Da kam ihr der gut aussehende junge Mann auf dem Motorrad mit Lederjacke, der unnahbar und lässig wirkte und wortkarg war, als Herausforderung gerade recht.

Kaum war die Eroberung geglückt, war sie schwanger. Schwanger in einer Zeit in der ledige Kinder eine Schmach waren. Sie hat noch bevor der Bauch sichtbar wurde geheiratet. Gleich nach der Hochzeit zog sie auf den Hof und lebte mit der Schwiegermutter und den Schwestern ihres Mannes. Von diesem Tage an wurde ihr nichts mehr geschenkt. Die Arbeit war schwer, grob und hart. Die Schwiegermutter gehässig und lästernd. Die Schwestern besserwisserisch und primitiv. Die Männer lebten nicht mehr. Der Schwiegervater und die Männer der Schwestern hatten sich alle im Alkoholrausch erhängt. Der Ehemann, Sohn und Bruder ständig zwischen den Fronten.

Als es still wurde und das Kind keinen Ton mehr von sich gab, erzwang der Ehemann den Eintritt in das Zimmer. Das Kind war nicht mehr bei sich. Mit dem alten VW Käfer fuhr er mit dem Kind ins Krankenhaus.

Das Kind lebt heute noch.

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