Sabine, der Alkohol und ich

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Sabine, der Alkohol und ich | story.one

Ein stürmischer Tag. Der Wind wehte ungestüm und kraftvoll durch eine einst belebte Einkaufsstraße und ließ ein kaltes und unfreundliches Wochenende erwarten. Ich versuchte mit festen Schritten gegen den Wind anzukämpfen. Eine Staubwolke trübte kurzzeitig meinen Blick. Als die Tränen den Blick wieder klärten, nahm ich aus den Augenwinkeln eine Frau meines Alters wahr. Sie stand zusammen gekauert, frierend und sich vor dem Wind schützend im Eingang eines aufgelassenen und leerstehenden Geschäftes. Wartend. Die Augen blickten ins Leere und der kurze Blick in die Umgebung erschien abwesend. Desto näher ich kam umso mehr kamen mir ihre Körperhaltung und ihre Gesichtszüge bekannt vor. Als ich auf gleicher Höhe war erkannte ich sie. Es war Sabine, eine sehr gute Freundin aus meiner Jugendzeit. Zögernd fragte ich: "Sabine???" Sie reagierte kaum, stand starr da, so als ob sie im Eingang des leeren Geschäftes in der Kälte leicht an Wand und Boden angefroren war. Zuerst dachte ich, sie erkennt mich nicht wieder. Sie wirkte verloren, war wie mir schien betrunken, sprach... nachdem sie mich erkannte schwer und verwaschen.

Sabine kam aus einer bürgerlichen Familie. Die Mutter Konzertpianistin und Klavierlehrerin. Der Vater in hoher angesehener Position in einem internationalen Konzern tätig. Eine akademische Laufbahn war für sie vorgesehen und erwünscht. Sabine war musikalisch und hatte auch ein großes malerisches Talent. Die Familie war fassungslos, als Sabine trotz bestandener Aufnahmeprüfung an einer Kunstgewerbeschule beschloss diese Schule nicht zu besuchen, sondern eine Lehre als Verkäuferin zu machen. In dieser Zeit lernten wir uns kennen. Ihre Eltern stellten hohe Ansprüche an sie, meine Eltern an mich keine. Beides war für uns Pubertierende und nach Sinn Suchende schwierig. In dieser Zeit hielten wir wie Ertrinkende aneinander fest. Wir waren unangepasst, exzessiv und ausschweifend unterwegs. Alkohol war unser ständiger Begleiter. Alkohol unser Tröster in allen Lebenslagen, unser Stimmungsaufheller, unsere Medizin, unser Heilsbringer. Wir torkelten durch´s Leben, hatten Weltschmerz und fanden keinen Platz in der Welt. Sabine war sensibel, viel sensibler als ich, sie war immer einwenig entrückt und entschwebt. Fast schien es so als ob sie ein paar Millimeter über dem Boden schwebte. Ein Flügelwesen.

Irgendwann auf dem Weg ins Erwachsenenleben verloren wir uns aus den Augen. Es war genug der Ausschweifung. Beruf und Familie stellten mich auf den Boden der Verantwortung. Sie heiratete einen groben und unsensiblen Proleten und bekam 2 Kinder. Als Konfliktlöser und Friedensstifter stand ihr weiterhin der Alkohol zur Seite.

An diesem kalten Tag, an dem uns nach vielen Jahren der Zufall zusammenbrachte, sagte sie abschließend: "Wie du siehst hat sich nicht viel geändert, die Traumata meiner frühen Jahre sind noch immer gegenwärtig! Der Alkohol hilft mir noch immer das Leben zu überleben"

© avadiva 22.02.2020