Wie von Sinnen

Als sie ihn kennenlernte war er noch verheiratet und hatte 3 minderjährige Kinder. Er war Servicetechniker, sie arbeitete in einem großen Photolabor. An ihrem Arbeitsplatz hatten sie sich kennengelernt. Er war oft vor Ort, reparierte fachkundig die Laborgeräte und umgarnte sie. Erzählte ihr von der weiten Welt und was er ihr da draußen, in seiner Welt, alles bieten könnte. Er war hartnäckig im Werben, machte Komplimente, erklärte ihr die Welt. Er war um vieles Älter. Er hatte, wie sie glaubte, viel Erfahrung.

Er war hässlich, sein Gesicht war schon in jungen Jahren zerfurcht, zerknittert, verlebt und er hatte einen berechnenden Blick, der die Augen anderer nie fasste. Ein Klugscheißer, ein Besserwisser und mit dem Hang andere bei jeder Gelegenheit übers Ohr zu hauen. Seine Neigung zu Alkohol und Nikotin spiegelte sich in seinem bleichen, fahlen Gesicht und seinem schlappen Körper wider.

Ihr Blick auf ihn war ein ganz Anderer.

Bald gingen sie miteinander aus, gingen auf Reisen. Er bezahlte und verwöhnte sie. Sie drängte darauf, dass er sich doch bitte scheiden lasse. Sie wolle ein Kind, sie wolle eine kleine Familie. Er willigte ein. Es gab jedoch Bedingungen von seiner Seite. Kein Geld für die Exfrau und die Kinder. Alles für die neue Liebe und das neue Leben. Das war ihr recht. Es musste alles auf ihren Namen laufen und sie musste das Geld in ein Fotogeschäft investieren. Er war für die Ämter und für Außenstehende gänzlich mittellos. Er verstand es jedoch die Kontrolle zu behalten, brachte sie dazu sich völlig unterzuordnen und auch seine krummen Geschäfte mitzutragen.

Sie wollte doch eine Familie, egal zu welchen Preis.

Als das Kind kam, wurde ein Haus gekauft mit Garten, er gab seinen Job als Servicetechniker auf, arbeitete im Fotogeschäft, sie blieb beim Kind zu Hause. Er erklärte ihr täglich, wie unmündig und dumm sie sei und versuchte ihr keinen Einblick in die Machenschaften seiner Geschäfte zu gewähren. Die Digitalisierung in der Fotobranche war nicht aufzuhalten. Das Fotogeschäft warf nicht mehr viel ab. Ging schleppend. Sie suchte sich einen Job. Nach jahrelanger Isolation in trauter Familienumgebung kam sie wieder mit anderen Menschen in Kontakt. Sie merkte, dass sie gar nicht so blöd war und begann langsam die heile Welt zu hinterfragen.

Das Kind wurde größer und respektloser. Sein Alkoholkonsum stieg stetig. Sein Körpergeruch war ein stechender und ekelerregender. Ihre Fragen wurden bohrender, konkreter und aggressiver. Er blieb die Antworten schuldig.

Als er an einem lauen Sommerabend wieder mal betrunken, stinkend, eingenässt nach Hause kam, schlug sie wie von Sinnen wortlos auf ihn ein. Drosch auf ihn ein, mit einer Kraft die ihr an ihr völlig fremd war. Sie konnte nicht aufhören. Als er bereits am Boden lag, kamen noch kräftige Tritte gegen die Rippen hinzu.

Erst als ihre Fäuste blutig, die Finger- und Fußknöchel schmerzten und sie das Kind in der Tür wahrnahm, ließ sie von ihm ab.

Sie hat es nie bereut.

© avadiva