Heimat

Kurz vor meinem sechsten Geburtstag wurde ich entführt. Von den eigenen Eltern. Die Entführung wurde mir damals als Ausflug verkauft. Doch das wir in ein fremdes Land mit unbekannter Sprache fuhren, sagten sie nicht. Nach einer langen Zugreise landeten wir an einem Ort, den sie Flüchtlingslager nannten. Die Erinnerung an die erste Station in meiner neuen Heimat ist nicht von schönen Bildern geprägt. Glücklicherweise konnten wir diese unwürdige Beherbergungsstätte bald verlassen.

Im ersten Jahr wohnten wir am Land. Es war eine sehr aufregende Zeit. Zumal ich nach zwei Monaten eingeschult wurde. Kaum hatte ich begriffen, dass es kein zurück mehr gab, wurde ich in ein Raum mit zwanzig fremden Kindern gesteckt. Ich kam mir vor wie ein Alien. Es reichte nicht, dass ich sie nicht verstand, sie spielten mir auch noch üble Streiche. Das ermutigte mich, die deutsche Sprache noch schneller und besser zu beherrschen. Bald fühlte ich mich nicht mehr wie eine Fremde. Einer erfolgreichen Intgration stand nichts mehr im Wege. Das ging schließlich soweit, dass ich mein Geburtsland und seine Tradition verachtete. Als pubertierende war es mir peinlich mich zu meinen Wurzeln zu bekennen.

Ich lebte als Österreicherin und doch hatte ich polnisches Blut in den Adern. Lange Zeit fühlte ich mich gespalten. Eine Interrailreise quer durch Europa brachte Frieden in meine Seele. Damals war das nicht so einfach wie heute mit dem Euro. Ich hatte Bargeld in zig verschiedenen Währungen im Börsl. Trotz der sprachlichen und kulturellen Unterschiede verstand ich mich mit den verschiedenen Bürgern Europas bestens. Auch hatte ich keine Scheu mehr meine Geburtsort zu erwähnen. Umso interessanter wurden die Gespräche mit den Einheimischen. Kochrezepte und Bräuche wurden ausgestauscht. Ich sah Landschaften und Städte von faszinierender Schönheit. In mir erwachte das Interesse an meiner alten Heimat.

Heute fühle ich mich voller Stolz als Europäerin. Es bereichert mein Leben die vielfältigen Traditonen und Menschen Europas zu kennen. Wer hat schon das Glück, ganz Europa seine Heimat nenne zu dürfen.

© awe