Ab zum Verhör

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Ab zum  Verhör | story.one

Dezember ´83, sechs Tage vor Weihnachten. Mit am Rücken gefesselten Händen entsteige ich einem der damals üblichen rotweißroten Polizei VWs und werde von zwei Kriminalbeamten an den Armen genommen und die Stufen zum Gemeindeamte in P. hinauf geführt.

Ich atme durch und versuche das absurde Szenario irgendwie mental einzuordnen. Die Lage ist zwar ernst, das Bild, das sich mir bietet aber umso komischer.

Pflegerl und Worschitz, so hießen die beiden Polzeibeamten, schienen geradewegs aus einem der damals sehr populären Kottan Krimis in mein reales Leben marschiert zu sein. Pflegerl, offensichtlich der Ranghöhere und das Hirn der beiden wirkte wie ein übergewichtiger Provinzcolumbo mit regionaltypischem Weinbauerngesicht und Worschitz, den deutlich jüngeren, kann man sich als eine Art jungen Inspektor Schrammel im Beatnik Look, vorstellen.

Ich zwischen den beiden. Es ist kalt und finster. Pflegerl hat sich einen dicken Schal um den Hals gewickelt. Rauf geht´s die Stufen zum Eingang ins Amtsgebäude. Pflegerl fischt ungeschickt mit der linken Hand einen Schlüsselbund aus seiner Hose, seine rechte Hand umklammert meinen noch immer am Rücken gefesselten Unterarm.

„So Hiatz derfst glei beichtn. Und weh, du spurst net!“ versucht sich nun der schmächtige Worschitz wichtig zu machen. Sein Tonfall sollte wohl drohend und einschüchternd rüberkommen, doch die Stimme kam durch die Nase und klang wie das Quaken eines Frosches mit Polypen. Offensichtlich sollte er den bösen Bullen Part spielen, was ihm aber dann doch weit eher schlecht als recht gelang.

Man sollte übrigens diesbezüglich den Einfluss amerikanischer Filmkultur auf das reale Verhalten der österreichischen Polizisten, Krimineller und Anwälte etc. nicht unterschätzen, die ganze Welt ist eine Bühne, und Verhalten auf amerikanische Art kommt nach Meinung vieler wohl lockerer und cooler rüber.

Man bringt mich in das Verhörzimmer, vor dem Fenster ein Schreibtisch mit alter Schreibmaschine, Tisch und Sessel aus billigem, hell lackiertem Holz. Am Schreibtischrand sitzt ein gut gekleideter Mann verkehrt auf einem Sessel und blickt mir beim Eintreten zynisch grinsend direkt in die Augen.

„No, da is er jo. I bin scho g´spannt.“ sagt der Elegante in sonorem , wienerisch gefärbten Bariton . Sicher ein wichtiger Oberkiwara aus Wien denk ich mir sofort.

„Der stöllt si deppat. Owa wir werdn eahm de Wadln scho viererichtn, net wohr!“ keift Worschitz und boxt mir sanft aber doch spürbar in die Nierengegend.

„Auh!! Wos isn?!“ schrei ich

„Mouch ka Theater, setz di nieda!“ Der dicke Pflegerl schaltet sich ein. Die beiden drücken mich in den Sessel vor dem Schreibtisch.

Der Wiener Chefpolizist beginnt mit dem Verhör.

"Oiso, i les da jetzt a Listn mit Naumen vor, und du sogst ma obs de Leit kennst oder net. Owa aufpassn, waunnst uns aunliagst samma nimma so freindlich."

"Host vastaunden?!" näselt mir Worschitz von hinten ins Ohr gefolgt von einem Klaps auf den Hinterkopf...

© axolotl 11.05.2019